Intro

von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 13.06.2019

Weißensee kämpft gegen die „unerträgliche“ Berliner Allee. Viele Anwohner wollen Lärm und Abgase dort nicht mehr länger hinnehmen. Zum Beispiel Christiane Kürschner: „Man kann nicht auf dem Gehweg miteinander sprechen, weil es so laut ist. Weil es keine Radwege gibt, drängelt sich alles auf den Gehwegen. Obwohl wir ein Familienkiez geworden sind, sieht man hier auch kaum Kinder laufen, weil die Eltern Angst haben, dass die unter die Räder kommen.“

Kürschner wohnt seit 14 Jahren in der Berliner Allee. „Es war schon immer laut, aber es wird immer schlimmer“, sagt sie. „Ich kann meine Fenster nicht öffnen und meinen Balkon nicht nutzen. Ich kann noch nicht einmal Kräuter darauf anbauen, weil die in einer Woche schwarz sind.“

Sie ist mit ihrer Klage nicht allein. Nun haben sich Weißenseer zur Initiative „Aktion Berliner Allee“ zusammengetan, um sich für eine „lebenswerte Berliner Allee“ einzusetzen. Sie haben gemeinsam durchgesetzt, dass die Straße am Sonnabend komplett für den Verkehr gesperrt wird. Kürschner repräsentiert mit ihrem Verein „Aber hallo, Weißensee!“ die lokalen Gewerbetreibenden. Auch BUND, ADFC und VCD sind mit an Bord.

Von 13 bis 17 Uhr am „Tag der Verkehrssicherheit“ wird dann zwischen Indira-Ghandi-Straße und Antonplatz kein Auto fahren, auch Straßenbahnen und Busse bleiben draußen. Die Sperrung ist als Demonstration angemeldet, analog zu ähnlichen Projekten in der Schönhauser Allee am gleichen Tag (den Artikel finden Sie hier) oder der Friedrichstraße. Man sei mit den anderen Initiativen in der Stadt lose vernetzt, sagt Kürschner. „Wir wissen voneinander und bewerben uns gegenseitig.“

Das Weißenseer Bündnis fordert eine „Verkehrswende Nord-Ost“ von der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos/für Grüne) und der Regierungskoalition. Es will dazu auf der Straße mit anderen Anwohnern diskutieren, was sie sich für die Neuplanung der Berliner Allee wünschen. Im Normalfall würde das nicht gehen. „Da hätte man nach zehn Minuten Kopfschmerzen“, sagt Jens Herrmann. „Jetzt wollen wir uns mal in Ruhe auf unserer Straße unterhalten.“

Herrmann ist Politikwissenschaftler und setzt sich seit neun Jahren für einen Umbau der Straße ein. Er arbeitet hauptberuflich beim Projekt „Prima Klima Weißensee“, einem der drei Hauptträger der Weißenseer Initiative. Herrmann beklagt „eine Zweiteilung Weißensees“ durch die Verkehrsschneise, die Teil der Bundesstraße 2 ist: „Die aktuelle Situation ist unerträglich.“

„Lebensgefährlich“ sei das Überqueren der Straße mitunter, stimmt Kürschner zu: „Es gibt keine Überwege, stattdessen Absperrgitter.“ Auch für die Gewerbetreibenden sei das ein großes Problem: „Die Leute werden nicht dazu eingeladen, dort zu flanieren.“ Die Folge sei extremer Geschäftsleerstand, dadurch werde die Allee noch unattraktiver, „das schaukelt sich gegenseitig hoch“. Herrmann sieht gar „amerikanische Verhältnisse“ einziehen: „Alle sitzen im Auto, verlärmen und verpesten die Umgebung und fahren in Shoppingcenter am Stadtrand. Das kann einfach nicht die Stadt der Zukunft sein.“

Das größte Problem sei der immer weiter zunehmende Durchgangsverkehr. Pro Tag fahren derzeit 30.000 Autos durch den Weißenseer Ortskern. Laut Herrmann droht allein durch die geplanten Bauvorhaben in Blankenburg, Buch, Karow und dem Umland eine Steigerung von 40 Prozent auf 44.000 Autos. „Vor allem die Schwerlaster werden immer mehr“, berichtet Kürschner, „und die Stimmung wird immer aggressiver, weil die Autos durchwollen, aber nicht durchkommen.“

Die Initiative fordert daher einen „stadtverträglichen Umbau“ der Allee und eine drastische Reduzierung des Durchgangsverkehrs. Herrmann: „Wir wollen, dass der Senat sein Versprechen von der Verkehrswende konkret hier einhält.“ Fünf konkrete Forderungen an den Senat hat man. Die schon 2011 vom Senat angekündigte Abstufung der Allee zur „örtlichen Straßenverbindung“ ist die wichtigste. Bisher wird sie als Bundesstraße der höchsten Kategorie („Kontinentale Verbindung“) geführt. Nach der Abstufung solle es künftig nur noch eine Pkw-Fahrspur geben. „Der letztjährige Tram-Ersatzverkehr mit Bussen hat gezeigt, dass das ausreicht“, sagt Herrmann. Stattdessen soll dort endlich eine Radspur angelegt werden.

Außerdem soll der Senat den Ausbau des weiter nördlich gelegenen B2-Abschnitts stoppen, der noch mehr Pendler durch Weißensee spülen würde. Und nicht zuletzt fordert die Initiative, dass der Senat seine Berufungsklage gegen das Tempo-30-Urteil auf der Berliner Allee zurückzieht. Das hatte ein Anwohner 2016 erstritten, weil die Stickoxid-Werte deutlich überschritten wurden.

Doch der Senat legte Widerspruch ein, und auch unter der grünen Verkehrssenatorin bekämpft Berlin Tempo 30 weiter. Bis der Gerichtsstreit beendet ist, habe das Land die Umbauplanungen für die Straße nun ad acta gelegt, sagt Herrmann. „Obwohl das Geld dafür seit zwei Jahren da ist, verschleppt der Senat das weiter.“

Zwar erklärte Senatorin Günther nun öffentlich, sie wolle die Initiativen für eine Reduzierung des Autoverkehrs „nach Kräften unterstützen“: „Die Einsicht, dass zentrale Orte der Stadt wie die Tauentzienstraße oder der Ku’damm nur mit weniger Autoverkehr attraktiv bleiben, setzt sich immer weiter durch.“ Doch offenbar gilt das nicht für Weißensee. Laut Kürschner habe die Verkehrsverwaltung schon angedeutet, dass das Mobilitätsgesetz in der Berliner Allee nicht angewandt werden könne – weil die Fahrbahn zu schmal für Radwege sei: „Auf die Idee, die Autofahrspuren zu verringern, kommt man hier offenbar nicht.“

Aber selbst in der eigenen Nachbarschaft gibt es durchaus Widerstand. Natürlich gebe es auch passionierte Autofahrer entlang der Berliner Allee, berichtet Kürschner, „die fühlen sich bedrängt und fürchten, wir wollen eine verkehrsberuhigte Zone“. Doch das sei die Minderheit. „Wir wollen keine autofreie Straße“, sagt Herrmann, „sondern eine moderne, großzügige Allee, die der vom Senat angekündigten Verkehrswende genügt und uns mehr Lebensqualität bringt.“

Daran will die Initiative den Senat mit dem Aktionstag erinnern. Es werden auch Politiker kommen, darunter Vollrad Kuhn, Pankows grüner Stadtentwicklungsstadtrat. Doch die Hauptadressatin der Forderungen wird nicht anwesend sein. „Die Verkehrsverwaltung hat abgesagt, keine Zeit“, sagt Herrmann. „Schade, wir hätten gern mal eine Antwort gehabt.“

Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

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