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von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 08.08.2019

Pankow ist Klassenletzter. Nach Senatsprognosen werden in ganz Berlin 2021 mehr als 26.000 Schulplätze fehlen – davon mit Abstand am meisten in unserem Bezirk: Für knapp 6.000 Pankower Schüler wird es dann keinen Platz mehr in Pankow geben. Die düstere Hochrechnung geht davon aus, dass hier 2635 Plätze an Grundschulen, 1160 an Sekundarschulen und 2125 an Gymnasien fehlen werden.

Not bestehe „in allen Pankower Ortsteilen“, erklärte Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU). Jedes Jahr wachse die Schülerzahl in Pankow (derzeit etwa 35.500) um 1000 bis 2000 Kinder. Bis zum Jahr 2030 brauche der Bezirk mehr als 12.000 neue Schulplätze. Laut Bevölkerungsprognose sollen in Pankow dann bis zu 460.000 Menschen leben – 60.000 mehr als derzeit.

„Oberste Priorität“ habe der Schulbau daher im Bezirksamt, teilte Kühne in einer mit Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) abgestimmten Antwort mit. Im Rahmen der Schulbauoffensive bis 2028 erhalten die Bezirke dafür 5,5 Milliarden Euro „Amtshilfe“ vom Senat, davon Pankow allein 800 Millionen. Das werde „allerdings nicht ausreichen“, so Kühne, „um (…) alle geplanten Maßnahmen umzusetzen“. Zum einen sei das schlicht nicht genug Geld. Und: „Ohne zusätzliche personelle Ressourcen ist die Umsetzung dieser Maßnahmen (…) nicht gesichert.“ Allein das Pankower Hochbauamt benötigt laut Kühnes Rechnung 43 neue Mitarbeiter, um der Senatsverwaltung und der HOWOGE (die die neuen Schulen bauen soll) zuzuarbeiten. Und auch um die Schulsanierungen durchzuführen, die der Bezirk selbst stemmen muss.

Der Bezirk wies auch den Schwarzen Peter zurück, der ihm von der Bildungssenatorin zugeschoben wurde. Sandra Scheeres (SPD) hatte erklärt, die Bezirke seien für den Schulbau (und damit auch die Probleme) verantwortlich. Pankow habe den Senat „spätestens seit 2008/09“ auf den kommenden Mangel aufmerksam gemacht, so Kühne: „Weil aber damals gespart werden musste, ‚bis es quietscht‘, wurden die Bedarfe negiert.“ Der Schulplatzmangel in Pankow sei auf Landesebene erst 2014 anerkannt worden. „Bis dahin hieß es immer, dass die Entwicklung sich berlinweit irgendwie auswachsen wird.“

Nun müsse man sehen, dass man so schnell wie möglich neue Schulen baue, 24 sind allein in Pankow geplant. Doch für einige müssen erst Grundstücke angekauft werden – und hier wird Pankow die eigene Attraktivität zum Verhängnis. In den Sparjahren versäumte die öffentliche Hand die Sicherung von Flächen. Nun sind die Preise für Baugrundstücke derart explodiert, dass der Bezirk sie sich nicht mehr leisten kann. Zwar lägen zum Teil schon Zusagen des Senats zur finanziellen Unterstützung vor, so Kühne. Dennoch sei ein Ankauf „sehr komplex und zeitaufwendig“.

Bestes Beispiel ist das Primo-Levi-Gymnasium in Weißensee, das aus allen Nähten platzt. Für die Erweiterung will der Bezirk die benachbarte Fläche von einem Investor erwerben, der allerdings einen Millionenbetrag dafür fordert. Andernfalls will er darauf Wohnungen bauen. Das hieße auch: noch mehr Schüler.

Dabei sind besonders Oberstufenplätze in Pankow dringend notwendig. Schon zurzeit gehen etwa 3.000 Oberschüler in anderen Bezirken zur Schule. Laut der Prognose werden 2021 allein mehr als 20 Prozent der Pankower Gymnasiasten keinen Schulplatz im eigenen Bezirk bekommen. „Für den Oberschulbereich werden wir uns leider auch in den nächsten Jahren auf Schulplätze in anderen Bezirken, wo die Situation weniger angespannt ist, verlassen müssen“, räumt Kühne unumwunden ein. Ab der 7. Klasse ist den Kindern in Berlin ein Anfahrtsweg von 45 Minuten zuzumuten.

Etwas besser sieht es bei den Grundschulen aus. Kühne verweist auf die derzeit im Bau befindliche Grundschule auf dem ehemaligen Parkplatz vor dem Velodrom, nächstes Jahr werde auch die an der Rennbahnstraße in Weißensee teilweise fertig sein. 2022 sollen nach Aussagen des Senats vier weiter neue Grundschulen fertiggestellt sein. Es tue sich also was, so Kühne, allerdings gehe es „nicht schnell genug“. Mit dem Bau temporärer Schulen in Containerbauweise will man schnell Abhilfe schaffen. Dennoch ist laut Kühne klar: „Pankow wird noch ein paar Jahre auf jeden Fall einen dramatischen Schulplatzmangel haben.“

Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

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