Intro

von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 09.01.2020

Ist die Luft in Berlin-Pankow giftig? Zumindest in Wilhelmsruh befürchten das viele Anwohner. Einige haben nun die Nase voll und den Arbeitskreis „Industrie-Emissionen – Wilhelmsruh stinkt’s!“ gegründet. Hintergrund ist die Vermutung, dass Firmen in der Nachbarschaft nicht nur stinkende, sondern höchst gesundheitsschädigende Rauchwolken durch Verbrennen von Plastik und Lacken nach Wilhelmsruh blasen. Der Arbeitskreis fordert die Politik zum Einschreiten auf.

Es geht um das Industriegebiet Flottenstraße. Das wurde einst im Mauerschatten auf der Reinickendorfer Seite angelegt. Auch nach der Wende wuchs es weiter, die Bandbreite ist groß. Hier sitzen viele Gewerke, die Abgase absondern und deshalb nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz genehmigungspflichtig sind – darunter die Firma BAGR, einer der größten Aluminiumrecycler Europas. Der Rauch zieht häufig nach Osten in den Pankower Ortsteil Wilhelmsruh.

Dass dies problematisch ist, verdeutlicht die jüngste Entscheidung zum Bauprojekt „Wilhelmsruher Tor“. Knapp 400 Wohnungen sollten in unmittelbarer Nachbarschaft des Gewerbegebiets entstehen, das Projekt wurde aber vor kurzem durch den Senat gekippt. Ein Gutachten stellte „erhebliche Geruchsbelästigungen“ fest, „die Immissionswerte für Wohnen nach der Geruchsimmissionsrichtlinie (GIRL) werden deutlich überschritten“. Da diese teilweise „übelriechend“ seien, „lassen sich die Immissionen aus Sicht der Stadtplanung nicht mit gesunden Wohnverhältnissen nach dem Baugesetzbuch vereinbaren“, sagt Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (B‘90/Grüne). Deshalb soll an dieser Stelle nun vor allem Gewerbe entstehen.

Diese Entscheidung wertet der Arbeitskreis als klares Eingeständnis seitens der Politik zur Unverträglichkeit des Gebiets mit seinem Wohnumfeld. „Schwerindustrie in der Stadt – das muss Ärger geben“, sagt ein Arbeitskreis-Mitglied, das nicht namentlich genannt werden will.

Betroffen ist vor allem der südliche Teil von Wilhelmsruh, die Gase ziehen oft in die Siedlung vor Schönholz, je nach Windrichtung auch die Hauptstraße oder die Garibaldistraße entlang. Auch die Mieter eines Gesobau-Blocks am Bahnhof, der vor kurzem erst fertiggestellt wurde, leben in der Abgaszone.

Neben Gerüchen von „Silage und Müll“ und „geröstetem Kakao“ registriert der Arbeitskreis dabei vor allem „Gießereigeruch und verbrannten Kunststoff“. Der Arbeitskreis vermutet, dass Plastik, aber auch lackierte und folierte Schrotte, insbesondere in den Abendstunden verbrannt werden. „Wir haben den Eindruck, man nutzt dazu speziell Randzeiten. Manchmal stinkt es auch nachts plötzlich sehr kräftig nach Kunststoff.“ Der Arbeitskreis verweist darauf, dass Dioxine und Furane entstehen können, wenn man Kunststoffe bei geringen Temperaturen verbrennt. Diese sind auch in sehr geringen Dosen höchst gesundheitsschädlich. Dennoch sei bisher überhaupt nicht erkennbar, dass die Politik hier tätig werde, im Gegenteil: „Die anderen Anwohner sollen weiter damit leben.“

Ein Problem dabei ist, dass die Zuständigkeit geteilt ist. Für das normale Gewerbe ist der Bezirk Reinickendorf verantwortlich, die Kontrolle der genehmigungspflichtigen Anlagen übernimmt die Senatsumweltverwaltung. „Die Befürchtungen der Anwohnerinnen und Anwohner werden sehr ernst genommen“, teilt eine Sprecherin der Verwaltung auf Anfrage mit. Die genehmigungspflichtigen Anlagen würden wie vom Gesetz vorgesehen alle drei Jahre kontrolliert – darunter neben dem Alu-Recycler auch Alba und die BSR, je eine Kaffee- und Kakaorösterei, eine Kautschuk-Vulkanisierfirma, eine Fischräucherei und eine Müllverbrennungsfirma. Bei Beschwerden würden auch unangekündigte Kontrollen durchgeführt.

In Wilhelmsruh will man sich davon nicht benebeln lassen. „Bei den angekündigten Kontrollen ist natürlich alles blitzsauber“, sagt ein Arbeitskreis-Mitglied. „In der Praxis stinkt es dazwischen sehr oft stark nach verbranntem Plastik.“ Besonders argwöhnisch blicken die Wilhelsmruher auf den Aluminiumrecycler BAGR. Aktuell erweitert die Firma ihre Anlage. Anwohner fürchten noch mehr schlechte Luft, wenn die erlaubte Schmelzkapazität künftig voll ausgenutzt wird: „Das geht genau in die falsche Richtung. Bald wird Wilhelmsruh noch weniger lebenswert.“ Berlins Umweltstaatssekretär Stefan Tidow stellte dagegen nun fest, dass die BAGR „nach ersten, vorläufigen Informationen (…) nicht für Geruchsbelästigungen im Umfeld verantwortlich“ sei.

Für eine gefährliche Hinhaltetaktik der Senatsverwaltung hält das Torsten Hofer. Industrie und Arbeitsplätze seien wichtig, so der SPD-Abgeordnete, „aber das Wohlergehen der Bevölkerung hat Vorrang“. Hofer fordert nach dem Geruchsgutachten nun „eine echte Schadstoffmessung in Wilhelmsruh, um zu klären, ob die Industrieabgase auch gesundheitsgefährlich sind“. Dies soll in Form einer Langzeitmessung erstellt werden: „Das sollten der Senat oder die landeseigene Gesobau in Auftrag geben.“

Die Gesobau hat direkt in der Nähe des gescheiterten Bauvorhabens „Wilhelmsruher Tor“ vor einem Jahr neue Mietwohnungen errichtet. „Die neu zugezogenen Anwohnerinnen und Anwohner der Gesobau sind von der Geruchsbelästigung ebenfalls betroffen“, so Hofer. Er fordert den Einbau von Filteranlagen in den Industrie-Schornsteinen, um den Gestank zu reduzieren. Wenn das nicht helfe, „müssen wir auch über eine Absiedlung – also Standortverlagerung – von geruchsintensiven Betrieben reden“.

Die Umweltverwaltung wiegelt bisher ab. Zwar können bei Geruch „Minderungsmaßnahmen“ geprüft werden, doch sollten die mit unverhältnismäßigem Aufwand verbunden sein, „kann dies dazu führen, dass in bestimmten Gebieten höhere Geruchsimmissionen hingenommen werden müssen, als dies zum Beispiel für Neubauprojekte der Fall wäre“.

Und was ist mit den vermuteten giftigen Gasen? Die Umweltverwaltung sieht „nach aktueller Erkenntnislage keine Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung“. Man beabsichtige daher auch künftig nicht, Schadstoffmessungen in den Wohnlagen von Wilhelmsruh durchführen zu lassen. Im Klartext: Stinken wird es wohl weiter in Wilhelmsruh. Und die Anwohner können nicht mehr als hoffen, dass Gestank nicht auch noch giftig ist. – Text: Christian Hönicke 

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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

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