Kiezkamera

Veröffentlicht am 18.03.2021 von Christian Hönicke

Öffentliches Pinkeln: Neue WCs geben ungewollte Einblicke – Bezirk fordert Sichtblenden vom Senat. Liebe Männer: Waren Sie heute schon öffentlich pinkeln? In den neuen Berliner WC-Häuschen geht das ja inzwischen kostenlos. Allerdings mit einem klitzekleinen Nachteil: Ihr bestes Stück ist im Zweifelsfall öffentlich einsehbar. Denn aus gewissen Winkeln sieht man gut pinkeln.

Auch in Pankow war das schon Thema in der Bezirksverordnetenversammlung. Die AfD kritisierte das neue WC samt Pissoir am Weißen See: „Das Urinal der Herrentoilette ist von den Gehwegen aus deutlich sichtlich. Es stellt somit nicht nur eine ästhetische Zumutung, insbesondere für Parkbesucherinnen, dar, es mindert in nachvollziehbarer Weise auch die Akzeptanz der Benutzung.“ Die AfD forderte das Bezirksamt auf, einen Sichtschutz zu installieren. [Der Text stammt aus dem aktuellen Pankow-Newsletter. Den können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Allerdings fehlt dieser Sichtschutz in ganz Berlin. Bei den gut einsehbaren Pissoirs handelt es sich um ein spezielles Feature der insgesamt 160 öffentlichen WCs in der Stadt. Barrierefreie Unisex-Modultoilettenanlage ist das Fachwort dafür. Außer einer abschließbaren Toilette mit Wickeltisch hat so ein Modulklo auch ein Pissoir mit zwei Plätzen.

Damit soll „das Phänomen des sogenannten ‚Wildpinkelns‘ behandelt“ werden, teilt der Senat mit. Die Pissoirs sollen besonders belastete Pinkel-Standorte entlasten. Die Gelder für die öffentlichen Toiletten kommen vom Senat, das Unternehmen Wall (das auch den Vorgänger-Typ betrieb) stellt sie her. Insgesamt werden in Pankow 19 dieser neuen Toiletten aufgebaut (zwölf stehen schon).

Doch so richtig groß ist der Unterschied zum Wildpinkeln zumindest in der Außenwirkung nicht. „Sexistisch und voyeuristisch“ ist der neue Toilettentyp laut „Tip Berlin“ sogar, weil Frauen für die Benutzung einer Tür 50 Cent zahlen, Männer im Freien aber kostenlos pinkeln sollen. Besonders brisant dabei: Viele WCs stehen auch in Pankow an belebten öffentlichen Plätzen und in unmittelbarer Nähe zu Kinderspielplätzen. In anderen Bezirken gab es deswegen bereits Ärger – zum Beispiel am Hans-Rosenthal-Platz an der Grenze zwischen Wilmersdorf und Schöneberg an einem Spielplatz (siehe Foto oben).

In Spandau stellte das Bezirksamt sogar einen Antrag auf Sichtblenden bei der Senatsverwaltung. Die lehnte ab: „Die gewählte Breite des Sichtschutzes ist ein Kompromiss. Die Nutzer der Pissoirs können nur von hinten gesehen werden.“ Es sei „keine Änderung des Sichtschutzes geplant“.

Vielmehr sei beim Pissoir nach intensiven Erörterungen „ganz bewusst keine verschließbare Tür“ gewählt worden, „um keine Orte zu schaffen, die als Räume zweckentfremdet werden können, etwa um Drogen zu konsumieren oder sich dort dauerhaft aufzuhalten“. Die Bezirke seien für die Standortauswahl und die Frage der Ausrichtung „nach den örtlichen Gegebenheiten“ zuständig.

Am Leopoldplatz in Wedding gab man sich damit nicht zufrieden. Dort nahm der Bezirk Mitte das Problem selbst in die Hand und verdeckte das Pissoir vor einem Café mit externen Sichtblenden, die einer Spanischen Wand ähneln – hier das Foto vom Grünen-Politiker Taylan Kurt.

Und Pankow? Zwar wurde der AfD-Antrag zum Weißen See in der BVV nicht beschlossen. Deshalb würde das Bezirksamt dort nun auch nichts unternehmen, teilt Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) mit. Allerdings wolle der Bezirk „im Rahmen unserer Kontakte zur Firma Wall und der Senatsverwaltung, die die den Vertrag verhandelt und abgeschlossen haben, demnächst darauf hinweisen“. Pankow wolle in der Problematik der fehlenden Sichtblenden „um Nachbesserung bitten“. / Foto: Jörn Hasselmann – Text: Christian Hönicke

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