Sport

Veröffentlicht am 05.03.2020 von Christian Hönicke

Rodungsstreit: Jahn-Sportpark war „nie nur reine Sportanlage“. Der Streit um den Umbau des Jahn-Sportparks geht weiter. Anwohner protestieren wie berichtet gegen die geplante Fällung von bis zu 240 Bäumen durch die Senatssportverwaltung. Eine entsprechende Online-Petition fordert den Erhalt des Parkcharakters und wurde inzwischen fast 2000-mal unterzeichnet. Die Frage, ob das Gelände in Prenzlauer Berg ein reiner Sportpark ist, wie die Senatsverwaltung sagt, oder auch ein Erholungspark, ist dabei der Kern der Auseinandersetzung.

Die Sicht der Senatssportverwaltung ist klar. „Beim Jahn-Sportpark geht es um die Entwicklung und Modernisierung einer zentralen Sportanlage in unserer Stadt; und nicht eines (Freizeit- und Erholungs-) Parks im Sinne einer reinen Grünfläche“, teilt ein Sprecher der Sportverwaltung auf Nachfrage mit. Um die Bedarfe des Sports zu decken, soll eine „größtmögliche Verdichtung“ erfolgen – in mehreren Bauabschnitten ab 2021 für insgesamt 195 Millionen Euro. Neben einem Stadionneubau sind auch Verwaltungs- und Bürogebäude für Verbände und Vereine, ein 30 Meter hoher Turnhallenturm und ein Autoparkhaus geplant.

Dafür sollen Bäume weichen und Wiesen bebaut werden. Der Einordnung als reiner Sportpark widerspricht allerdings das Ansinnen derselben Sport- und Innenverwaltung, auch noch ein neues Dienstgebäude für die Polizei auf dem Gelände unterzubringen. Zumindest gegen diesen Plan haben sich nun die Pankower Bezirksverordneten positioniert. Sie lehnten einen Antrag der CDU mit großer Mehrheit ab, wonach das Bezirksamt die „Planungen zu einer möglichen Ansiedlung des Polizeiabschnittes 15“ unterstützen solle.

„Der Sportpark war niemals nur eine Sportanlage, sondern schon immer auch eine Parkanlage“, sagt Holger Siemann. Der Berliner Schriftsteller stieß bei den Recherchen für sein Buch „das Weiszheithaus“ auf die Spuren einer heute kaum bekannten Rudolf-Mosse-Straße im Jahn-Sportpark. Er recherchierte die Geschichte des Parks und kommt zum Schluss: Die Doppelfunktion aus Sport und Erholung sei von Beginn an offiziell gewollt gewesen. Der Berliner Magistrat habe den ehemaligen Militär-Exerzierplatz 1912 explizit mit dem Ansinnen gekauft, den Grünmangel im Norden Berlins zu beheben.

„Mit dem Erstarken der Sozialdemokratie veränderten sich die politischen Konstellationen, die Nutzung des öffentlichen Raums wurde zum Politikum“, so Siemann. Das betraf auch die Umgestaltung des „Exers“: „Bei der Planung der neuen, mehrere Hektar großen Fläche galt es Sport, Gesundheit und Erholungsbedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Der Stadtgartendirektor Brodersen konzipierte einen Sport-Park, in dem Besucher nicht nur Sport treiben, sondern im Grünen wandern konnten – unter Pappeln und Platanen wie in einem langgestreckten Wald entlang der Sportstätten und Stadien.“

Es wurden eine große Volks- und Spielwiese, öffentliche Plätze für Sport- und Turnverbände sowie Erholungs-, Spiel- und Betätigungsflächen für die Anwohner angelegt. Auf den Wiesen fanden auch sportferne Veranstaltungen statt, darunter Sonnenwendfeiern und Feiern des Bezirksamts. Auch für den Nachwuchs erfüllte das Gelände eine wichtige Funktion, bis zum Ende der DDR gingen Kiezkinder noch „auf’m Exer“ spielen.

Siemann erinnert in dem Zusammenhang an Rudolf Mosse. Auch dank der Spenden des jüdischen Verlegers konnte der Sportpark überhaupt erst errichtet werden. Zum Dank wurde 1920 die Hauptstraße am damals westlichen Rand des Sportparks nach ihm benannt. Die Nazis tilgten jedoch 1933 seinen Namen aus dem Stadtbild. Die Gruppe „MosseErinnern!“ hat sich zum Ziel gesetzt, das zu ändern. Am heutigen Donnerstag (5. März/19 Uhr) findet das nächste Treffen im Fanprojekt Cantianstraße 25 statt.

„So lückenhaft wie die Erinnerungen an Mosse ist auch der Baumbestand heute“, sagt Siemann. „Doch allen Zerstörungen und Gedankenlosigkeiten zum Trotz ist die Besonderheit des Sportparks mit seiner Mischung von waldartigen Baumstreifen und Sportplätzen heute noch erkennbar. Die Spuren gehören eher unter Denkmalschutz als abgeholzt.“