Nachbarschaft

Veröffentlicht am 05.12.2019 von Christian Hönicke

Sören Marotz ist hauptberuflich Ausstellungsleiter am DDR Museum und studierte an der Technischen Universität sowie an der Humboldt-Universität Wissenschafts- und Technikgeschichte, Neuere Geschichte und Geographie.

Seit 2008 ist der Pankower an, in der und für die Panke aktiv (siehe Foto). Er hält  regelmäßig Vorträge zur Geschichte des Bachs und bietet auch per Rad oder zu Fuß Führungen entlang der Panke an. Zusammen mit Martin Riewestahl hat er die „Panke-Regatta“ entwickelt, bei der Kinder selbst gebaute Schiffchen in der Papier- oder Holzklasse auf der Panke um die Wette schippern lassen. Gemeinsam mit dem Freundeskreis der Chronik Pankow e.V. hat Marotz 2013 im Brosehaus die Panke-Ausstellung „Nichts blieb wie es war – Leben an der Panke“ kuratiert, die in gedruckter Form als 40-seitige Broschüre dort auch erhältlich ist.

Herr Marotz, die Panke ist nicht mal 30 Kilometer lang. Was fasziniert Sie denn so an dem Flüsschen? Die Panke, die Pankow ihren Namen gab, ist offiziell sogar nur ein Bach. Als Geograph und Historiker ergibt sich eine reiche Spielwiese. Wie hat sich die Panke im Laufe der Jahre verändert und wie sehen der heutige ökologische Zustand und die Wasserqualität aus? Solche Fragen interessieren mich. Da ich zusätzlich auch gern Fahrrad fahre und paddele, lag die Beschäftigung mit der Panke als Niederschönhausener nahe.

Welche Bedeutung hat sie für Berlin und Pankow? Sie ist ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte und nach der Spree und der Havel das drittlängste natürliche Fließgewässer auf Berliner Stadtgebiet. Die Panke wurde viel beschrieben, besungen und in Gedichten verewigt. Aber auch beschimpft und verflucht, weil sie zum Himmel stank oder Hochwasser führte. In meinen Vorträgen zeige ich in einer Bilderreise mit historischen und heutigen Fotografien, wie die Panke von der „Quelle“ bei Bernau bis zur alten Mündung in die Spree Stück für Stück zu einem begradigten, verschütteten und verschmutzten Problemgewässer Berlins geworden ist – mit Einleitungen der Industrie, der Abwasserwirtschaft, aber auch der Anlieger. Mein Anliegen ist, die Panke als Lebensader wiederzuentdecken. Wir sollten den Bach sowohl als Teil eines Ökosystems, wie auch als Teil einer urbanen Stadtlandschaft begreifen. Dabei kommt es darauf an, den schmalen Grat zwischen menschlicher Nutzung und Übernutzung nicht zu verlassen.

Wie wurde die sich einst so romantisch schlängelnde Panke zum Problembach? Sie hat viel miterlebt. Ursprünglich entstand sie als mäandrierender, sandgeprägter Tieflandsbach im Nachklang der letzten Eiszeit. Seit knapp 150 Jahren ist sie durch den Menschen in Verlauf und Wasserqualität stark geprägt worden. Die Panke ist begradigt, zum Teil verrohrt oder trocken gelegt. Sie hat keine richtige Quelle, dafür aber drei Mündungen.

Trifft der Ausdruck „Stinkepanke“ heute noch zu oder ist die Panke halbwegs sauber? Den Ausdruck „Stinkepanke“ mag ich nicht, weil er zur Stigmatisierung beiträgt. Klar gab es vor 100 Jahren so massive Verschmutzungsprobleme, dass das Baden in der Panke 1926 verboten wurde. Auch heute riecht die Panke manchmal nach Waschlauge, was mit an der fehlenden Phosphateliminierung im Klärwerk in Schönerlinde liegt. Seit einiger Zeit entwässert es in die Panke, statt wie vorher über den Nordgraben in den Tegeler See. Viel schlimmer ist aber, dass bei Starkregen ein Teil des Regen- und Abwassers direkt in die Panke gelangt. Um dem entgegenzuwirken, baut das Land Berlin an vielen Stellen so genannte Stauraumkanäle als Zwischenspeicher.

Was halten Sie von der geplanten Renaturierung im Rahmen des EU-Pilotprojekts „Panke 2015“? Die soll 2021 endlich beginnen. Die geplante Umgestaltung hat über die Bezirksgrenzen hinweg für Gesprächsstoff gesorgt und zu einer erhöhten öffentlichen Sensibilisierung für den Bach geführt. Insgesamt wäre das eine deutliche ökologische Verbesserung der Panke. Man muss aber beachten, dass man für 28 Millionen Euro gar nicht so viel machen kann.

Das Projekt ist schon seit 2003 in der Pipeline. Passiert ist bisher nichts. Ja, im Vergleich zum ganzen Brimborium hat sich bisher kaum etwas getan. Die Fischtreppen sind unabhängig davon gebaut worden. Nun ist wenigstens das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen worden. Es bleibt zu hoffen, dass die geplanten Maßnahmen wie angekündigt 2025 beendet sein werden. Niemand kann hier ein zweites BER-Desaster wollen.

Könnte die Renaturierung auch neue Probleme schaffen? Ja. Das einzubringende Totholz sowie die zusätzlichen Bepflanzungen bergen eine neue Schwemmgut-Gefahr. Die könnte sich bei Hochwasser am Rechenwerk an der Schulzendorfer Straße zum Problem entwickeln. So wie beim Hochwasser 2012, bei dem hauptsächlich weggespülter Grünschnitt für eine zwischenzeitliche Verstopfung sorgte. Schon damals ist eine ganze Tiefgarage mitsamt Autos abgesoffen. Ein neuerliches Hochwasser könnte im Zweifel noch größere Folgen und Kosten für die Genehmigungsbehörden nach sich ziehen, weil es hier um die Frage der Bewertung des Hochwasserrisikos geht.

Zurück zur Lebensader: Haben Sie Geheimtipps für besonders schöne Plätzchen an der Panke? Mit Geheimtipps ist das immer so eine Sache, sie sind dann ja nicht mehr geheim. Ich fand es immer besonders reizvoll, mit dem Kanu von Röntgental bis zur heutigen Mündung in den Nordhafen zu paddeln. Dafür reicht schon eine Hand breit Wasser unter dem Kiel, um die Panke mal aus einer neuen Perspektive zu erleben. Auch der Panke-Radweg ist sehr empfehlenswert und wird hoffentlich bald als „Panke-Trail“ eine Radschnellverbindung auf dem Weg zur Arbeit ins Zentrum darstellen.

Wie erträumen Sie sich die Panke der Zukunft? Meine Vision ist: Umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung des ökologischen Zustands wurden umgesetzt und vor allem von den Menschen angenommen. Die Panke ist in vielen Abschnitten nicht mehr verbaut, begradigt und vermüllt, sondern erfährt breite Akzeptanz, gerade bei jungen Familien. In Buch hat nahe der S-Bahn ein Kanu-Verleih aufgemacht, der Boote für Halbtags-Touren auf der Panke bis in den Wedding vermietet. Schließlich kann man an einem neu angelegten Strand neben dem Bürgerpark wieder in der Panke planschen – nach 100 Jahren Zwangs-Badepause. Dann wäre die Panke wirklich die neue Lebensader für den Bezirk geworden.

(Übrigens noch eine Klarstellung zum letzten Newsletter: Die Panke ist das drittlängste Fließgewässer auf Berliner Stadtgebiet. Insgesamt gesehen ist die Dahme mit 95 Kilometern natürlich deutlich länger.) / Foto: Ralf Hertsch

– Text: Christian Hönicke 

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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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