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Fahrrad-Debatte: Das sagen unsere Leser aus Reinickendorf

Veröffentlicht am 19.06.2019 von Gerd Appenzeller

Fahrrad-Debatte: Das sagen unsere Leser aus Berlin-Reinickendorf. Die Radwege sind auch im Berliner Norden immer virulentes Thema. Die Bezirksverwaltung muss sich vorhalten lassen, sie kümmere sich nicht mit dem nötigen Nachdruck um den Bau von Radwegen. Hier zwei neue Lesermails dazu an den Reinickendorf-Newsletter vom Tagesspiegel.

  • Rad-Frust I: „Das ist doch ein Witz, oder?“ Aus Waidmannslust schreibt mir Leser Matthias Eigenbrodt: „Gerade heute musste ich an Ihren letzten Artikel im Reinickendorf-Newsletter denken. Ich habe gleich angehalten und ein Foto gemacht. Es zeigt den Radweg Roedernallee / Alt-Wittenau, der tatsächlich zweimal als 5-Meter-Waldweg unterbrochen ist. Das ist doch ein Witz, oder? Die Zustände der Radwege gerade in Reinickendorf sind für mich symptomatisch für die verfehlte Verkehrspolitik der CDU/AfD im Bezirk. Oder sollte man dies besser als fehlgeleitete Blockadepolitik bezeichnen? Ich fahre zwar nicht 5000 km im Jahr wie Newsletter-Leserin Karin Rohlfs, aber mein Drahtesel ist mir auch lieber als mein Auto. Ich versuche konsequent, den Arbeitsweg zur Praxis in Kreuzberg mit dem Rad zurückzulegen. Meine größte Angst als Zahnarzt und Radfahrer ist durch eine Unachtsamkeit eines Kraftfahrers (Rechtsabbieger) meine Zähne zu verlieren. Ein zahnloser Zahnarzt ist kein schöner Anblick für seine Patienten.“ Das Foto unseres Lesers finden Sie in der Rubrik „Kiezkamera“ des Reinickendorf-Newsletters.

  • Rad-Frust II: „Ich könnte mir bessere Abenteuer vorstellen.“ Aus Tegel schreibt mir Leserin Rosemarie Sonnemann – auch sie ärgert sich über die Fahrradwege. „Die Radwege hier in Reinickendorf sind wirklich nicht dazu angetan, Leute vom Auto auf das Fahrrad zu locken. Ich fahre viel Fahrrad in Reinickendorf/Tegel/Waidmannslust und ich fühle mich unsicher, wenn ich zum Beispiel die Berliner Straße in Tegel befahre oder den Waidmannsluster Damm Richtung S-Bahnhof Waidmannslust. Irgendwie muss man mutig und abenteuerlustig sein, aber eigentlich könnte ich mir ein besseres Abenteuer vorstellen, als „unter die Räder“ zu kommen. Reinickendorf ist die „Bastion gegen das Mobilitätsgesetz“, das sagt alles. Und wenn gesagt wird, kein einziger Parkplatz wird für einen Radweg geopfert, dann ist das bezeichnend für Reinickendorf und für den politischen Willen, eine Verkehrswende zu erreichen. Ich bin selbst Autofahrerin, aber mir ist auch klar, dass viel zu viele Autos in der Stadt fahren und das Problem auch nicht mit Elektroautos zu lösen sein wird – dann stehen wir eben im Elektroauto im Stau. Ich selbst könnte mir auch vorstellen, mit dem Rad in die Stadt zu fahren, was aber bis jetzt utopisch ist, ein Traum. Radfahrer sind nicht nur Freizeitradler, auch sie wollen manchmal möglichst schnell von A nach B und auch sie haben das Recht, sich in der Stadt unfallfrei und ungefährdet zu bewegen – nicht nur Autofahrer.“
  • Und welche Kiez-Erfahrungen haben Sie gemacht? Ihr Leserbrief an mich: gerd.appenzeller@tagesspiegel.de

Das sagt der Bezirkschef zum Ärger der Radfahrer. Bei einer Veranstaltung der „Berliner Morgenpost“ hat Bezirksbürgermeister Frank Balzer, CDU, auf entsprechende Vorhaltungen aus dem Publikum, erklärt, der Senat unterstütze finanziell nur den Bau von Radwegen, die mindestens zwei Meter breit seien – und so etwas zu realisieren, sei eben nur schwer möglich. Stimmt das? Ich fragte Jan Thomsen. Er ist der Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne). Dem Reinickendorf-Newsletter vom Tagesspiegel hat er jetzt geantwortet. Der Brief ist interessant, nehmen Sie sich kurz die Zeit.

Das sagt der Senat zum Rad-Ärger in Reinickendorf. „Es ist in der Tat so, dass wir als Senatsverwaltung mit zusätzlichen Landesmitteln nur Maßnahmen fördern, die – zumindest weitestgehend – den Regeln des Mobilitätsgesetzes entsprechen. Dazu gehört (laut den Vorgaben der Senatsverwaltung für die Bezirke) im Regelfall eine Mindestbreite von zwei Metern für neue Radwege an Hauptstraßen“, schreibt mir Jan Thomsen, Sprecher der Verkehrssenatorin. Und: „Reinickendorf hat dabei nicht etwa weniger Platz oder schmalere Straßen als andere Bezirke. Es gilt hier jedoch, wie überall bei der Neuverteilung des Straßenraums, dass mehr Platz für Radfahrende (bzw. für den laut MobG insgesamt Vorrang genießenden Umweltverbund aus Rad-, Fuß-,  Bahn- und Busverkehr) zumeist weniger Platz für Park- oder Fahrspuren bedeutet. Einige Bezirke sind sehr erfolgreich bei dieser Umverteilung, etwa Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Steglitz-Zehlendorf, andere weniger. Das lässt sich unter anderem auch an Zahlen ablesen.“

„Reinickendorf ist Schlusslicht unter allen Bezirken“. Hier die Zahlen, die Jan Thomsen als Sprecher der Verkehrssenatorin meint: „So wurden im Jahr 2018 aus den relevanten Haushaltstiteln „72016 – Verbesserung der Infrastruktur für den Radverkehr“ und „52108 – Maßnahmen zur Verbesserung des Radverkehrs“ in Reinickendorf insgesamt 117.775,74 Euro abgerufen. In Friedrichshain-Kreuzberg dagegen waren es 1.398.570,64 Euro – also beinahe zwölfmal mehr.“ Nüchternes oder ernüchterndes Fazit des Senats: „Reinickendorf bildet mit dieser Summe für den Radverkehr das Schlusslicht unter allen Bezirken – Friedrichshain-Kreuzberg liegt ganz vorn.“ Und zum Schluss eine kleine Spitze aus dem Haus der Verkehrssenatorin: „Reinickendorf hat übrigens, im Gegensatz zu den meisten anderen Bezirken, auch noch nicht die beiden Stellen für die bezirkliche Radverkehrsplanung besetzt, die das Land pro Bezirk finanziert.“  – Gerd Appenzeller
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Reinickendorf entnommen. Den kompletten Reinickendorf-Newsletter, den wir Ihnen einmal pro Woche schicken, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de

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