Namen & Neues

Unser marodes Rathaus

Veröffentlicht am 10.09.2019 von André Görke

So marode ist das Rathaus in Berlin-Spandau. Das Rathaus wäre in anderen Städten das beste Haus am Platz. In Spandau ist es: düster, oll, verkramt. Wer sich mal die Flure anschaut, will am liebsten bei Obi fünf Liter Farbe bestellen. Als im Frühling wegen Reparaturarbeiten mal wieder an der Heizung herumgedoktert wurde und die Räume auskühlten, kaufte Stadtrat Andreas Otti, AfD, elf Heizlüfter aus dem Baumarkt („für 380 Euro“ – Quelle: Anfrage Gollaleh Ahmadi, Oliver Gellert, Grüne). Problem behoben? Otti berichtet heute: „Wenn wir die Heizlüfter anschalten, fliegt schon mal die Sicherung raus.“ Otti erzählt das nicht, weil er ein Meckerkopp ist – er ist der dafür zuständige Stadtrat in unserem Bezirk.

Stadtrat Otti hat mir seine 75-Mio-Studie gezeigt. Für so viel Geld müsste, nee, könnte das Rathaus saniert werden. Das Geld wird für den verwinkelten Altbau in zentraler Lage nicht reichen. Und so viel Geld gibt es auch gar nicht – das weiß auch ein AfD-Vertreter wie Otti („Bin ja kein Träumer“). „Mit der Studie wollten wir erfahren, was dringend nötig und was machbar ist. Vieles ist marode: Technik, Dach, Brandschutz, Barrierefreiheit. Wir haben nur einen richtigen Fahrstuhl. Und wenn es um Sicherheit und Mindeststandards wie Brandschutz geht, habe ich wenig Alternativen. Das geht es um Sicherheit, da habe ich als Staatsdiener die Pflicht, einzugreifen. Klar, das hätte man auch früher machen können, hat aber keiner gemacht. 20 Millionen haben wir jetzt, aber das wird nicht reichen – allein das Dach kostet 17 Millionen Euro.“ Klar, man könne auch einen Fahrstuhl im Rathausturm errichten und die alten Drehtüren am Eingang wieder einbauen – „aber Schönheit treibt nun mal den Preis“. Auf 75 Millionen Euro.

Wie geht’s dem verwaisten Ratskeller? Da hat der Pächter die Miete nicht bezahlt („4400 Euro pro Monat“), musste rausgeklagt werden, gab jetzt immerhin den Schlüssel zurück. „Wir sind im Insolvenzverfahren“, sagt Otti. Mehr darf er offiziell nicht sagen. Den Keller aber will das Rathaus nutzen: für Soziales, Fahrräder-Parkhaus, vielleicht Fitness. „660.000 Euro kostet der Umbau“, sagt Otti.

So sieht das Bürgermeister-Büro aus. Schwere Schränkewände, Technik aus den 90ern.

Blick auf die Rathaus-Flure. Möbel und Modelle in den Gängen.

Kernfrage: Wollen wir dieses Rathaus überhaupt erhalten? Otti, grundsätzlich: „Wir suchen neue Räume und Flächen für die Rathaus-Mitarbeiter und denken an zwei Neubauten für 400 Mitarbeiter – an der Seegefelder oder an der Galenstraße. Aber: Wenn wir neu bauen, müssen wir diese Gebäude nicht nur bezahlen, sondern auch unterhalten“ – und das Geld fehlt fürs Rathaus. Miete anderer Büros sei auf Dauer auch sehr teuer. Kann man also Räume im Rathaus besser nutzen, Flure ausbauen – und nur einen Neubau errichten? „Die Sanierung geht nicht in zwei oder drei Jahren, das dauert Dekaden, bestimmt 20 Jahre. Wir müssen uns fragen: Wollen wir dieses Rathaus erhalten? Und was macht der Bezirk sonst damit?“ Gute Frage, richtige Frage, und für Antworten darauf ist auch einer wie AfD-Mann Otti verantwortlich. Wird spannend. – Text: André Görke

Hier der Blick vom Rathaus-Turm in einen der zwei Innenhöfe.

  • Fototipp: Meine Tagesspiegel-Bilderstrecke aus dem Rathaus. Hier der Link.
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    Diesen Text habe ich als Leseprobe dem Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den – kompletten – Spandau-Newsletter mit exklusiven Nachrichten, Tipps, Terminen und gerne auch Humor gibt es unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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