Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.04.2021 von André Görke

Es gibt Neuigkeiten von Berlins bekanntestem Fischer. Sein Name: Klaus Hidde, 67. Er stammt aus der letzten Fischerfamilie in Tiefwerder. Bekannt wurde er, weil Hidde die Krebsplage im Tiergarten und Britzer Garten bekämpft hat. Früher hat er in der Altstadt gearbeitet: „Tagsüber saß ich im Anzug in der Commerzbank in der Moritzstraße, abends im Boot auf der Havel.“ Im Mai 2018 stellte ich ihn hier im Newsletter zum ersten Mal vor.

Lieber Herr Hidde, lange nichts von Ihnen gehört. Wie geht’s Ihnen? „Naja, meine Augen lassen leider nach. Im Fischerboot brauche ich etwas Hilfe. Aber ich habe eine interessante Aufgabe an Land gezogen – in Kladow, unten am Glienicker See. Das muss ich Ihnen erzählen.“

Was machen Sie am Glienicker See? „Ich fange Krebse. Kladower Krebse, wieder mit Erlaubnis der Berliner Behörden. Es geht diesmal um den Marmorkrebs, der nicht hierher gehört.“

Moment, der Marmorkrebs? Der war im Dezember Thema hier im Newsletter. Der kommt aus Florida/USA, ist beliebt in Aquarien… „…und wahrscheinlich hat es so auch begonnen: Mit einem Kerl, der meinte, den Inhalt seines Aquariums in den Glienicker See kippen zu müssen. Keine gute Idee. Jetzt haben wir das Problem.“

Welches? „Der Marmorkrebs fällt zwar nicht so auf die wie roten Krebse im Tiergarten. Der Marmorkrebs ist sechs Zentimeter groß und nur 20 Gramm schwer. Er ist dunkelbraun, gescheckt, ziemlich klein. Aber der Marmorkrebs hat keine Feinde bei uns. Er überträgt Krankheiten und vertreibt heimische Krebsarten.“

Sie die Krebse nur im Glienicker See? „Nein, ich bin auch im Grunewaldsee im Einsatz. Aber im Glienicker See sind es vermutlich besonders viele. Bei einem Test haben wir 22 Krebse an nur einem Tag an nur einer kleinen Stelle des Sees rausgeholt – es könnten also Tonnen am Seegrund sein!“

Und wie fischen Sie? „Mit Reusen, die ich am Boden versenke. Der Krebs selbst ist ziemlich doof, der mag das Garnzeug, der krabbelt da einfach rein.“

Am Glienicker See ist aber viel los, auch ohne Badegäste. „Interessant wird der Einsatz mit den vielen Tauchvereinen, die dort im See unterwegs sind. Und mit den Anglern. Aber da muss bitte keiner Sorge haben. Der See hat zwar tollen Aal, Hechte, Zander – aber ich fische nichts weg. Ich habe nur die Erlaubnis, die Krebse zu fangen, damit die Natur sich wieder einspielt.“

Was machen Sie mit den Krebsen? „Die landen auf dem Teller. 50 bis 60 Kilo habe ich aus dem Tiergarten immer zu Großgastronomen gebracht, ab und zu auch zu Restaurants – wie etwa zu ‚Fisch Frank‘ in der Altstadt. Aber der Einzelverkauf ist mühselig: Ich muss die Tiere ja töten, abkochen, lagern. Lebend darf ich die nicht verkaufen. Ich will die schnell loswerden.“

Wie schmeckt denn Kladower Krebs? „Wie Hummer.“

Da gibt es doch ein Restaurant am See, das Bootshaus. „Stimmt, da liegt mein kleines Fischerboot. Ich muss mich mal beim Koch vorstellen. Kladower Krebse am Glienicker See – das wär doch was für den Sommer.“

Hat Ihr Sohn nicht auch einen Fischstand an der Havel? „Ja, unterhalb der Freybrücke. Bei Jens wird’s die Kladower Krebse auch geben – mal sehen, wie viele ich raushole. Donnerstagnachmittag und am Wochenende ist er vormittags vor Ort, einfach mal von der Freybrücke runterkommen und nachfragen.“

Tagesspiegel-Tipp: Hier finden Sie viele Hintergründe zum gesunkenen Wasserstand des Glienicker Sees und viele Fotos: Tagesspiegel. Text: André Görke
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Dieser Text stammt aus dem Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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