Namen & Neues

Nur echt ist echt: Eine bemerkenswerte Rede zum ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Lichterfelde-Süd

Veröffentlicht am 21.02.2019 von Boris Buchholz

Es war still in der Bezirksverordnetenversammlung als die stellvertretende Vorsitzende der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde, Annette Pohlke, am Mittwochabend an das Redepult trat. Als sie begann zu sprechen, wurde es noch stiller. Zusammen mit dem Aktionsbündnis Lichterfelde Süd und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hatte ihre Initiative einen Einwohnerantrag für einen authentischen Lern- und Gedenkort für das Kriegsgefangenenlager Stalag III D in das Bezirksparlament eingebracht – 1.131 Steglitz-Zehlendorfer (so viele gültige Stimmen hat das BVV-Büro gezählt) unterstützten das Anliegen. Nachdem Annette Pohlke geendet hatte, waren sich viele Bezirksverordnete und Beobachter einig: Es war die beste Rede des Abends, vielleicht sogar der bisherigen Wahlperiode. Wir dokumentieren die Rede in Auszügen:

„Am 16. Juni 2010 wartete ich am S-Bahnhof Osdorfer Straße auf jemanden. 1,90 groß, weiße Haaren, mit Brille, blaues Jackett und Fotoapparat – so hatte Herr Paolo Girardi sich für mich beschrieben, damit wir einander auf dem Bahnsteig erkennen würden. Herr Girardi kam nach Berlin, um den Ort des Stalag III D zu besichtigen, wo sein Vater als italienischer Militärinternierter zeitweise inhaftiert gewesen war. […] Als er … mit mir den Landweg, den ehemaligen Standort des Stalag III D erreichte, fasste er seine Eindrücke in einem entsetzten Satz zusammen: „Hier ist ja gar nichts!“ Er hatte recht. Nichts. Keine Gedenkstätte, kein Erinnerungsort, keine Informationsstele, kein Mahnmal, schon gar kein Museum – nichts. […]

Ihnen liegt heute ein Einwohnerantrag vor, der dem abhelfen will. Der Antrag möchte durch eine entsprechende Gestaltung des Bebauungsplans sicherstellen, dass da, wo der Vater von Herrn Girardi inhaftiert war, ein Lern- und Gedenkort in authentischen Gebäuden des Stalag III D entsteht. […] Tausende, ja vermutlich Zehntausende von Menschen sind durch das Stalag III D gegangen. […] Wir wissen jetzt, dass sich auf dem Gelände mehrere Baracken des Lagers erhalten haben und dass bei Grabungen auf dem Gelände mit weiteren Bodenfunden zu rechnen ist. […]

Nur echt ist echt. Authentische Orte, authentische Bausubstanz, authentische Funde sind durch nichts zu ersetzen. Fragen sie mal eine Schulklasse, die Sachsenhausen oder Auschwitz besucht hat, ob man sich nicht stattdessen auch Fotos hätte ansehen können. Hätte man natürlich. Natürlich kann auch ein Foto, ein Film, eine App etwas vermitteln. Aber das Erleben am authentischen Ort ist immer noch mal etwas anderes. […]

Wir wollten zeigen, dass es mindestens 1000 Menschen in diesem Bezirk gibt, die sich genug Zeit nehmen, um sich zu informieren und dann auch bereit sind, für unser Anliegen mit ihrem Namen und ihrer Unterschrift einzustehen. Wir wollten zeigen, dass die Erinnerung am authentischen Ort nicht wenigen Einwohnern dieses Bezirks ein Anliegen ist. […]

Wollen die Leute eigentlich ständig erinnert werden? Vor allem genau da, wo sie wohnen? Aus den Erfahrungen der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde lässt sich diese Frage klar beantworten: Ja, wollen sie. Vielleicht in der Tat nicht jeder, aber so viele, dass es sich lohnt und man von einem berechtigten Anliegen reden kann. […] Es gibt schönere Geschichten als die von einem KZ oder von einem Kriegsgefangenenlager, aber die Geschichte eines Ortes kann man sich nicht aussuchen. … Das ist die Realität unseres Bezirkes, unserer Stadt, unseres Landes. Auch wer versucht, dies zu verdrängen, kann es nicht ungeschehen machen, er kann sich allenfalls selbst seiner eigenen Heimat und Geschichte entwurzeln. […]

Das Stalag III D und die anderen historischen Reste auf dem Gelände sind ein Teil dieser Geschichte. Unterstützen sie uns in unserem Bemühen, sie zu bewahren und an die kommenden Generationen zu vermitteln.“

Applaus aus allen Fraktionen.

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