Namen & Neues

Hier retten Neuköllner Leben: Zu Besuch in der Wasserrettungsstelle Heckeshorn

Veröffentlicht am 29.05.2019 von Boris Buchholz

Es stimmt schon: Viel Wasserfläche hat Neukölln nicht zu bieten und weder im Britzer Verbindungskanal, noch im Neuköllner Schiffahrts- oder im Teltowkanal wird extensiv Wassersport getrieben. Naturnah Schwimmen könnte man höchstens noch in den Seen des Britzer Gartens – wenn es dort nicht verboten wäre. Deshalb kommen die ehrenamtlichen Lebensretter an den Großen und den Kleinen Wannsee: Insgesamt vier Wasserrettungsstationen betreibt der Bezirksverband Neukölln der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), davon liegen drei in Steglitz-Zehlendorf und eine am Grunewaldturm in Charlottenburg-Wilmersdorf. Das sei „historisch so gewachsen“, erklärt Joachim Terborg, der an der Station Heckeshorn als Bootsführer und Einsatzleiter seinen Dienst tut – im fünfzigsten Jahr.

Er wohnt in Buckow, eine Stunde ist er bis zu seiner Station unterwegs. „Ich bin so gut wie jedes Wochenende draußen“, erzählt der 67-Jährige. Von Samstagmorgen bis Sonntagabend muss die Station besetzt sein, mindestens sechs DLRG-Freiwillige müssen dann Dienst tun. Samstagnacht schlafen die Ehrenamtlichen in der Station, neun Kojen hat der Flachbau, der 1980 durch Lottomittel finanziert wurde. 2018 haben die Retter mit ihrem 220 PS starken Motorboot „Adler 24“ 110 Einsätze absolviert. Meistens müssten Schwimmer geborgen werden, die sich überschätzt hätten, berichtet der Bootsführer, das „ist der größte Faktor“. Viel zu oft sei auch Alkohol im Spiel.

Generell würde die Anzahl der Badegäste an den Wannsee- und Havelstränden zunehmen, beobachtet Joachim Terborg: „Die Leute wollen kein Geld mehr zum Beispiel für das Strandbad ausgeben.“ Also kommen sie an die freien Badestellen, es werde immer voller, auch das Ufer direkt vor der Station Heckeshorn sei beliebt. Was Probleme mit sich bringen kann: „Wenn wir zum Einsatz rennen, rennen wir durch den Kartoffelsalat.“ Am Wochenende halte stets ein Wasserretter auf dem Steg Ausschau; jede halbe Stunde wechseln sich die Beobachter ab. Bei einer Notsituation muss es schnell gehen, Leben sind in Gefahr: „Letzten Sonntag hatten wir vier Kenterungen hintereinander.“

Die Abgeordnete Nicole Ludwig, sportpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, und ihre beiden Parteikollegen aus der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), Michael Gaedicke und Carsten Berger, hatten sich mit DLRG-Mann Terborg verabredet. Was seien denn die größten Probleme für die Wasserretter? „Der Nachwuchs“, sagt der Einsatzleiter sofort. Zum einen hätten die Jugendlichen weniger freie Zeit, zum anderen würden für die Rettungsschwimmer-Ausbildung nicht genug Hallenzeiten zur Verfügung stehen. Zum dritten ist der Weg aus Neukölln zum Wannsee lang: „Manchmal versuchen wir, Fahrgemeinschaften zu bilden.“

Auch die finanzielle Belastung sei ein Problem: Die gesamte Schutzkleidung schlage schnell mit 500 Euro zu Buche. In Neukölln bezahlt der Verband in der Regel die Kleidung für die jungen Leute. Doch da sich die DLRG hauptsächlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziere, sei das schwierig. Und das Land schieße pro Jahr nur 165.000 Euro an den Landesverband der DLRG dazu; viel zu wenig, sind sich Joachim Terborg und die Abgeordnete Ludwig einig. „Das ist ein Landesthema“, sagt sie am Tisch vor der Wasserrettungsstation, macht sich Notizen, „das nehme ich mit“.

„Es würde an vielen Stationen Chaos geben, wenn die Alten aufhören würden“, ist sich Retter Terborg sicher. Aktuell würden an seiner Neuköllner Station zwei Freiwillige unter 18 Jahren mitarbeiten. Sein Vorschlag: „Wer ehrenamtlich tätig ist, wird bei der Vergabe des Studienplatzes in der Stadt belohnt.“ In der Nachbarstation Jagen 95 an der Badestelle Alter Hof, sie wird von der DLRG Steglitz-Zehlendorf betrieben, würden mehr Jugendliche aktiv sein. Terborg: „Da arbeitet die Jugendarbeit in Steglitz-Zehlendorfer besser – auch wenn Neukölln generell immer vorne ist.“

Helfen könnte bei der Nachwuchsarbeit im Südwesten ein Antrag der CDU, der am 6. Juni im Haushaltsausschuss beraten wird. Er sieht vor, die Jugendarbeit von Vereinen und Organisationen bei den „Kosten für Schutzkleidungen, Uniformen oder sonstige zur Ausübung ihrer Tätigkeit zwingend notwendige Ausrüstungen“ zu entlasten und den Eigenanteil der Jugendlichen zu mildern. Sowohl der Sport- als auch der Jugendhilfeausschuss haben bereits zugestimmt. Die Neuköllner hätten von dieser Südwest-Regelung allerdings nichts – auch wenn sie in Steglitz-Zehlendorf Leben schützen.

Liebe Neuköllner Lebensretter, herzlichen Dank für Eure und Ihre wichtige Arbeit. Joachim Terborg hat recht: Neukölln ist immer vorne! – Boris Buchholz

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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf entnommen. Den Newsletter, den Ihnen Boris Buchholz einmal pro Woche schickt, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

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