Namen & Neues

Teltow zeigt wie es geht: Wie Stadtplanung mit Bürgerbeteiligung aussehen kann

Veröffentlicht am 15.10.2020 von Boris Buchholz

Das Zentrum Zehlendorfs wird in den kommenden 15 Jahren in großen Teilen umgestaltet sein – Sie werden es teilweise kaum wiedererkennen: Der Teltower Damm, genauer der Gehweg, wird unter der Bahnbrücke verbreitert, der S-Bahnhof erhält zwei neue Zugänge, der Platz vor der ehemaligen Post bekommt durch den geplanten Tunnel zur Machnower Straße eine komplett neue Funktion.

Zudem könnten Regionalzüge am zweiten Bahnsteig halten. Die Grundstücke zwischen den S-Bahngleisen und der Anhaltiner Straße sind verkauft, Wohnungsbau und neue Kultur soll entstehen. Bis 2030 wird der neue Rathaus-Komplex bezogen sein – und spätestens dann wird auch das Bürohaus an der Ecke von Clayallee und Berliner Straße abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Die Dorfaue soll schon lange umgestaltet werden; trotz Denkmalschutz sollte das in zehn Jahren geschehen sein. Und irgendwie und irgendwann werden auch die sanierungsbedürftigen Schulgebäude des Droste-Hülshoff- und des Schadow-Gymnasiums zu Großbaustellen mutieren.

Um all das zu koordinieren, einen roten Faden in das Geschehen zu spinnen und eine abgestimmte Stadtplanung zu erreichen, schlug die Bürgerinitiative Zehlendorf 2019 vor, ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept (INSEK) zu entwickeln. Es sollten nicht lauter bauliche Unikate entstehen. Die Ziele, wohin sich der Ortskern Zehlendorfs weiter entwickeln soll, sollten zusammen mit den Bürgern bestimmt werden, bevor die Baumaschinen und Kräne das Straßenbild bestimmen und Fakten schaffen. Denn eine Kritik der Bürger lautete: Die Öffentlichkeit werde zu wenig an der Stadtplanung beteiligt. Das Bezirksamt informiere stets erst, wenn alle Entscheidungen getroffen sind. Eine Kritik, die sich jetzt bei der Ausschreibung des städtebaulichen Wettbewerbs für den neuen Rathauskomplex wiederholt.

Wie Bürgerinnen und Bürger in einem komplexen Planprozess beteiligen kann, zeigt gerade unsere Nachbargemeinde Teltow. Seit 2018 entwickelt die Stadt zusammen mit ihren Einwohnern eine Idee, was aus ihr bis zum Jahr 2035 geworden sein soll. Nach einem ersten Planworkshop mit siebzig Teilnehmern, wurden die taufrischen Pläne bereits wieder überarbeitet. Jetzt liegen Zielvorstellungen und konkrete Maßnahmepläne vor. Aufgrund der Corona-Pandemie beschreitet Teltow aktuell für die zweite Diskussionsphase einen neuen Weg: Seit dem 12. Oktober liegen die Pläne online aus, bis zum 12. November können die Teltower ihre Ideen, Anregungen und Kommentare per Online-Formular ihren Stadtoberen übermitteln.

Die bisher erarbeiteten Maßnahmen können sich sehen lassen: Kurzfristig will die Stadt ein Städtebauliches Rahmenkonzept für die gesamte Stadt erstellen, eine Ehrenamts- und Engagementbörse soll ins Leben gerufen werden. Ein Gestaltungskonzept für den Ruhlsdorfer Platz sei dringend erforderlich, heißt es im Maßnahmekatalog, ein Verkehrsplaner müsse eingestellt und ein großräumiges Verkehrskonzept erarbeitet werden. 15 Kilometer neue Radwege und -routen sind vorgeschlagen, neue Reit- und Wanderwege sollen entstehen. Für die Flächen am Teltowkanal ist ein Entwicklungskonzept vorgesehen, zusammen mit Stahnsdorf und Kleinmachnow will Teltow kurzfristig nicht nur einen Standort, sondern auch ein Betreiberkonzept für ein neues Schwimmbad finden. Und das sind nur einige wenige und auch nur die kurzfristigen gemeinsam mit den Bürgern erarbeiteten Maßnahmen.

In Sachen Transparenz und Bürgerbeteiligung macht die Stadt mit 29.902 Einwohnern dem zehn Mal so großen und viel finanzstärkeren Bruder im Norden vor, wie es geht. Allerdings: Bis 2035 will Teltow bei den Einwohnerzahlen Steglitz-Zehlendorf auf die Pelle rücken. Im bisherigen Stadtgebiet und an den Standorten Speicherstadt, Biomalzfabrik und Regionalbahnhof / Güterbahnhof sind bis zu 2.800 neue Wohneinheiten geplant – 2035 könnte der kleine Nachbar schon 33.900 Menschen „schwer“ sein, dem INSEK sei Dank. Im Februar 2021 soll das Integrierte Stadtplanungskonzept fertig und vom Stadtparlament verabschiedet sein.

In Steglitz-Zehlendorf wird man dann neidisch nach Süden gucken können. Viel passiert wird im Bezirk in Sachen Stadtplanung für Zehlendorf-Mitte dann noch nicht sein. Die Bürgerantrag für ein eigenes INSEK-Verfahren ist im Oktober 2019 aus formalen Gründen gescheitert (ich berichtete hier) – SPD und FDP retteten parlamentarisch die Bürger-Idee und brachten gleichlautende eigene Anträge ein. Nach langen Beratungen und einigen Änderungen beschloss die Bezirksverordnetenversammlung im Mai 2020, dass das Bezirksamt eine „städtebauliche Rahmenplanung für die weitere Entwicklung und gestalterische Aufwertung von Zehlendorf-Mitte“ erstellen soll. Viel Öffentlichkeitsarbeit und eine „breite Bürgerbeteiligung“ sind Teil des Beschlusses.

Wir werden sehen. Im Dezember muss Stadtplanungsdezernentin und Bürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) den ersten Zwischenbericht zum Fortschritt der Planungen rund um den Teltower Damm vorlegen. Teltows Stadtverordnete werden dann schon über die Endversion entscheiden.