Namen & Neues
Erst dicke, dann bessere Luft: Eltern dürfen Luftfilter für Schulen anschaffen
Veröffentlicht am 25.02.2021 von Boris Buchholz
Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am 17. Februar brachte die Wende: Einstimmig beschlossen die Bezirksverordneten, „den Eltern […] zu gestatten, in Klassenräumen Luftreinigungsgeräte zu betreiben“. Zwei Tage später bestätigte Schulstadtrat Frank Mückisch (CDU) dem Tagesspiegel: „Die Eltern wollen selber Geräte anschaffen, und [das] lassen wir jetzt auch zu.“ Er freue sich über das Engagement der Eltern, sagte der Stadtrat meinem Kollegen
Späte Einsicht. Am 28. Januar hatte Stadtrat Mückisch noch an alle Schulleitungen der öffentlichen Schulen geschrieben – und den Einsatz von privat finanzierten Luftfiltern untersagt. Wichtigster Satz seines Briefes: „Es wurde entschieden, dass Luftreinigungsgeräte in Form von Sachspenden oder in Eigenregie angeschaffte Geräte in den bezirklichen Schulstandorten nicht eingesetzt werden dürfen.“ Sein Angebot lautete stattdessen, dass die Eltern gerne zweckgebundene Spenden für Filtergeräte an ihrer Schule direkt an das Bezirksamt überweisen könnten. Vielversprechend klingt dieser Satz: „Die zweckgebundenen Einnahmen können ebenfalls auf das Folgejahr übertragen werden.“ Außerdem wies er darauf hin, dass die Eltern pro Gerät mindestens 2.900 Euro aufbringen müssten.
Eltern reagierten empört auf das Amtsschreiben. „Ich bin ehrlich gesagt fassungslos, wie Bürokratie alles erschlägt, was eine vernünftige Gesundheitsprävention unserer Kinder erlauben würde“, schrieb Leserin Nicole Heizman an den Tagesspiegel. Sie hat ein Kind am Schadow-Gymnasium. Auch Leserin K. war über die Ausführungen des Stadtrats „entsetzt“. Der Idee, zentral an das Bezirksamt zu spenden, kann sie nicht viel abgewinnen: „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass selbst im ‚reichen‘ Zehlendorf viele Eltern spenden, noch dazu, wenn nicht klar ist, ob es in der eigenen Klasse landet.“
Auch am Droste-Hülshoff-Gymnasium hat sich im vergangenen Herbst eine Elterninitiative gegründet, die zusätzliche Luftfilter beschaffen will. Vater Dominik Zimmermann rechnete bereits im Januar für den Newsletter aus, dass man nicht knapp 2.900 Euro, sondern nur 1.400 Euro investieren müsste, um die Luft eines Klassenraums nahezu von Viren zu befreien. Dafür müsse man allerdings nicht wie zunächst das Bezirksamt auf H14-Filtern bestehen, sondern wie vom Senat vorgeschlagen H13-Filter nutzen. Zum Vergleich: Bei H14-Filtern liegt die Filterleistung bei 99,995 Prozent; ein H13-Pendant filtert „nur“ 99,95 Prozent aller Schwebeteilchen und Viren aus der Luft. Die Vision der Elterninitiative am Droste-Gymnasium lautet: „Das Ziel ist, dass alle Räume mit Luftreinigern ausgestattet werden“.
96 Luftreiniger hat das Amt an 14 der 55 öffentlichen Schulen im Südwesten bisher aufgestellt. Jetzt könnten es kurzfristig durch die Initiativen von Eltern und Fördervereinen deutlich mehr werden. Nach dem grundsätzlichen Einverständnis des Schulamts müssen sich nun die Schulgemeinschaften über den Einsatz weiterer Geräte verständigen. Welche Klassen werden absehbar überhaupt wieder im Schulgebäude unterrichtet? Wo ist die Lüftung am schwierigsten? Wie geht man damit um, wenn eine Klassengemeinschaft Geräte finanzieren würde, die Parallelklasse das aber nicht leisten kann? Keine leichten Fragen, keine schnelle Antworten.
Der Druck von Eltern und Politik auf Stadtrat Mückisch scheinen ihn und das Schulamt zum Umdenken bewogen zu haben. Sicher ist: Das Land Berlin wird zusätzlich zu den bisher erworbenen 1.200 Luftfiltern weitere Geräte ordern. Für ingesamt 15 Millionen Euro sollen bis Ostern 2.800 und bis zum Sommer nochmals 3.500 Filter gekauft und an die Bezirke weitergegeben werden.
Machen Sie sich keine Illusionen: Auch diese neuen staatlichen Luftreiniger werden nicht ausreichen, um auch nur die Hälfte aller Unterrichtsräume im Bezirk zu bestücken. Bei 55 Schulen, jeweils sechs Klassenstufen (1-6 oder 7-12) und einer angenommenen Dreizügigkeit kommen schon beim sehr groben Überschlag 990 Südwest-Klassenzimmer zusammen – und da sind Fach- und Teilungsräume sowie Lehrerzimmer noch nicht eingerechnet. In jedem Raum einer Schule einen Luftfilter zu betreiben, wird ein Traum besorgter Eltern und Schülerinnen und Schüler bleiben.
Text: Boris Buchholz
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