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Radler versus Fußgänger: Die aktuellen Planungen für den Radschnellweg am Teltowkanal

Veröffentlicht am 15.04.2021 von Boris Buchholz


Bisher teilen sich Fußgänger und Radfahrer den Weg am Teltowkanalufer. In Zukunft dürfen die Radler am Wasser rollen, die Spaziergänger flanieren dahinter. (Foto: Imago)

 

Radler versus Fußgänger: Die aktuellen Planungen für den Radschnellweg am Teltowkanal. Der Weg am Ufer des Teltowkanals wird in den Planungen immer schmaler – zumindest der für Fußgänger. Der Berliner Radschnellweg Nummer sechs, die sogenannte Teltowkanalroute, befindet sich aktuell in der Vorplanung: Nach der Machbarkeitsstudie, sie wurde im Herbst letzten Jahres vorgestellt (meinen Bericht finden Sie hier und hier auf tagesspiegel.de), feilen die von der stadteigenen Infravelo GmbH beauftragten Planerinnen und Planer, betraut wurde die Firma SHP Ingenieure aus Hannover, an den Details der Streckenführung. In einer internen Präsentation der Infravelo von Anfang Februar, die dem Tagesspiegel zugespielt wurde, wird der aktuelle Planungsstand berichtet:

  • Der Platz für die Fußgänger schrumpft weiter. In der Machbarkeitsstudie wurde von einer 7,50 breiten Gesamttrasse des Fahrradschnellwegs ausgegangen: Auf vier Metern (zwei Meter je Richtung) dürfen die Fahrradfahrer rollen, drei Meter waren für Spaziergänger, Kinderwagen, Rollatoren und Jogger vorgesehen. In der ersten Detail-Planung schrumpft der Fußweg auf eine Breite von 2,70 Meter, in diversen Abschnitten sogar auf 2,20 Meter.
  • Fußgänger spazieren in zweiter Reihe. Wasser – Böschung – Radweg – Fußweg: Entlang des gesamten Kanals fahren die Radler direkt am Wasser. Die Fußgänger flanieren auf ihrem Zwei-Meter-plus-Weg dahinter.
  • Zebrastreifen an der Bäkestraße. An der Bäkebrücke soll künftig ein Fußgängerüberweg mit Radverkehrsfurt bei der Querung der Straße behilflich sein. Das macht Sinn: Nach dem ab 2022 geplanten Neubau der Bäkebrücke könnten hier die Autos wieder 50 Kilometer pro Stunde fahren.
  • Ampel über die Birkbuschstraße. An der Prinzregent-Ludwig-Brücke ist eine Ampel für Radfahrer und Fußgänger geplant.
  • Am Eichgarten wird zur Fahrradstraße; Kreuzung soll umgebaut werden. Ziel der Baumaßnahme ist es, die Kreuzung Stindestraße / Am Eichgarten übersichtlicher zu gestalten; bisher unterteilt eine dreieckige Mittelinsel die Fahrbahn.
  • Unterführung an der Siemensbrücke. Ein Ärgernis seit Jahrzehnten: Wer am Ufer des Teltowkanals Erholung sucht, erlebt bei der Überquerung der Siemensstraße einen Adrenalinstoß nach dem nächsten. Die Hauptautoroute nach Lankwitz und Lichterfelde ist stark befahren. Dank des Radschnellwegs kann in der geplanten Zukunft die Siemensbrücke unterquert werden.

Brücke über den Prellerweg – nur für Radler. Der Radschnellweg biegt an der Borstellstraße vom Kanalufer in Richtung Innenstadt ab – und sorgt für eine Überraschung: Über die Borstell- und Sembritzkistraße (beide werden zu Fahrradstraßen) leitet er die Radfahrer ab der Bezirksgrenze hinter dem Oehlertring – in die Parkanlage des Insulaners. Die Infravelo-Experten führen den pedalgetriebenen Verkehr über einen erhöht liegenden bisherigen Spazierweg parallel zur Sembritzkistraße zum sechsspurigen Prellerweg. Hier ist eine neue Brücke geplant, die auf dem Gehweg zum S-Bahnhof Priesterweg endet. Der Clou: In der Planung (Brücke über Prellerweg T-13) ist die Brücke nur für Radler vorgesehen, Fußgänger sollen weiter über die Straße gehen (es gibt immerhin eine Ampel).

Das nächste Fußgänger-Problem ergibt sich im beliebten Hans-Baluschek-Park entlang der Schienen zwischen Priesterweg und Südkreuz. Während die Radtrasse in den Planungen weiter mit einer Ausdehnung von vier Metern dargestellt wird, ist der Fußweg nur noch zwei Meter breit. Und: Der Radschnellweg „durchschneidet“ die für den Park typischen Spiel- und Erholungspodeste. Ein Beispiel: Auf dem ersten Podest nach dem Aufgang am S-Bahnhof Priesterweg sind links Sitzmöbel aufgestellt, rechts vom Weg stehen die Schaukeln. Der Radschnellweg teilt den Spielplatz in zwei Hälften; nicht ungefährlich, wenn links und rechts gespielt wird und zugleich der Elektrobiker mit 30 Stundenkilometern auf dem Weg nach Hause ist. Und es wird nicht nur einer sein.

Fahrrad fahren auf Kosten der Fußgänger? Bisher genießen die Spaziergänger und Jogger in den Parks und am Teltowkanal Vorrang – auch wenn viele Radler unterwegs sind und so manches Überholmanöver gewagt ausfällt. Doch während die Radfahrer durch den Radschnellweg viel gewinnen, verlieren die Zufussgehenden. Nicht nur die Hälfte des bisherigen Gehwegs wird ihnen versagt, auch der direkte Blick auf das Wasser, auf Schiffe, Enten und Schwäne, auf Sonnenspiegelungen und Angler soll ihnen künftig verwehrt werden. Roland Stimpel, Vorstand des Fußgängervereins FUSS, spricht auf Nachfrage des Tagesspiegels von einem „Gehverbot“ an der Wasserseite. Er kritisiert die Planungen als fußgängerunfreundlich. Nur noch zwei Meter Spazierweg? „Da ist Begegnung nur im Gänsemarsch möglich – jeder spaziert am besten für sich allein.“ Die für Fußgänger gesperrte Brücke über den Prellerweg kommentiert er mit: „Ein besonders krasses Beispiel für die Geh-Ignoranz bei Infravelo: Ein Parkweg fällt weg, eine Brücke kommt dazu – aber zum Gehen ist sie nicht.“ Tatsächlich hat die stadteigene Infravelo die Belange der Fußgänger in die Planungen einbezogen – mit einem Bewertungsanteil von fünf Prozent.

Auch ökologisch wirft das Elf-Millionen-Euro-Projekt für umweltfreundliche Mobilität Fragen auf. Erstmalig wurden in der vorliegenden Vorplanung der Umwelt- und Naturschutz bei der Streckenführung mitbewertet: Mit 25 Prozent fließen die Auswirkungen auf die Naherholung und auf Biotope, Tiere und Planzen sowie die Versiegelung des Bodens in die Planungen für die optimale Streckenführung ein. Das Ergebnis: Freiflächen in einer Größe von 18.250 Quadratmetern würden asphaltiert und versiegelt werden; Infravelo rechnet damit, dass 270 Bäume gefällt werden müssten, Habitate für Vögel und Fledermäuse würden vernichtet werden. Vermutlich ist diese Zahl noch niedrig angesetzt: Im Bestand ist der Uferweg am Teltowkanal bis zu vier Meter breit. Für eine Sieben-Meter-Trasse des kombinierten Fuß- und Radschnellwegs müssten also zwei bis drei Meter aus dem bestehenden Grün herausgeschnitten, gegebenenfalls muss die Böschung aufgeschüttet werden. Mit dem Projekt für radelnde Bürgerinnen und Bürger wird sich der Charakter des Uferwegs am Teltowkanal deutlich verändern.

Davon geht auch Infravelo aus. „Das Landschaftsbild im Bereich des Uferwegs am Teltowkanal wird abhängig von der konkreten Planung gemindert“, schreiben die Planer in der Präsentation. Auch die Erholungsfunktion „wird für Fußgänger in den stark frequentierten Morgen- und Abendstunden“ geringer. Drastischer drückt es FUSS-Vorstand Roland Stimpel aus: „Durch Asphalt, Rodungen, Böschungsaufschüttungen, Einengung auf 2,20 Meter und Schnellverkehr in 30-Zentimeter-Tuchfühlung wird die ‚Erholungsfunktion‘ vernichtet.“ Er befürchte eine „Gentrifizierung im Grünen“: „Familien, Alte und Schwache werden verdrängt. Resolute und eilige Mittelalte nehmen ihren Raum. Aus Erholungsraum wird Verkehrsbegleitgrün.“

Die Planungen befinden sich noch in einem recht frühen Zustand. In der aktuell stattfindenden Vorplanung müssen Senat, die betroffenen Bezirke und Träger öffentlicher Belange Stellungnahmen abgeben. Wenn der Senat der Routenplanung und den Baukosten zugestimmt hat, geht es mit der Entwurfsplanung weiter, dann kommt die Genehmigungsplanung und schließlich das Planfeststellungsverfahren mit öffentlicher Beteiligung. Erst dann wird die tatsächliche Ausführung geplant. Infravelo geht davon aus, dass frühestens Anfang 2024 mit dem Bau des Radschnellwegs Teltowkanalroute begonnen werden kann.

Text: Boris Buchholz
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