Namen & Neues
Enkel des jüdischen Filmpioniers Karl Wolffsohn spricht von Betrug: Am Stöpchensee ruht still der See
Veröffentlicht am 19.05.2022 von Boris Buchholz
Heute stehen dort Bäume, heute ist es die einzige freie Stelle, an der man zumindest mit festem Schuhwerk bis zum Ufer des Stölpchensees vordringen kann: In der Kohlhasenbrücker Straße 40, direkt an See und Mündung des Griebnitzkanals, stand einmal die Villa von Karl Wolffsohn, einem der Pioniere des Film- und Unterhaltungssektors. „Die Sterne und Sternchen der nationalen und internationalen Filmwelt gaben sich dort ein Stelldichein“, schreibt sein Enkel, der Historiker Michael Wolffsohn, in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel. Doch nach der Machtübernahme 1933 raubten die Nazis Haus und Grundstück, es wurde „arisiert“. Die jüdische Familie Wolffsohn floh nach Palästina.
Nach dem Krieg kämpften die Wolffsohns vor Gericht, sie wollten wieder in den Besitz ihres Eigentums gelangen. Das gelang – doch es gab eine Auflage: Sollte der Bezirk oder die Stadt auf dem Grundstück eine öffentliche Grünanlage errichten wollen, müssten die Wolffsohns verkaufen. Mitte der 1960-er Jahre war es dann soweit, das Grundstück wurde an den Bezirk Zehlendorf verkauft. „Der Preis war lachhaft“, so Michael Wolffsohn.
„Nicht geringe Summe“. Anders beschrieb 2017 die damalige Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) in der Antwort auf eine schriftliche Anfrage ihres Parteikollegen Torsten Hippe die Lage im Jahr 1965: Das 7535 Quadratmeter große Grundstück sei für „eine nicht geringe Summe“ erworben worden. „Das Land Berlin zahlte darüber hinaus eine Entschädigung in ebenfalls nicht geringer Höhe.“
Mitte der 1970-er Jahre sollte dann tatsächlich die Grünanlage entstehen, so teilte man es aus dem Rathaus der Familie Wolffsohn mit. Doch erst 1986 wurden die Gebäude auf dem Grundstück abgerissen, das Areal sollte, so Cerstin Richter-Kotowski im Jahr 2017, „park- oder waldartig angelegt werden“. Angelegt wurde nichts. Dann wechselte vor elf Jahren der Eigentümer: 2011 wurde das Grundstück am Stölpchensee vom Bezirk an die Berliner Forsten übertragen. Bis heute liegt ruhig der See, es stehen stumm die mittlerweile wild gewachsenen Bäume. Eine Grünanlage gibt es nicht.
„Wie nennt man so etwas?“, fragt Michael Wolffsohn. „Betrug. Betrug an meiner Familie, deutschjüdischen Rückkehrern.“ Die Geschichte von Villa, Grundstück und Bezirk können Sie hier als T+-Gastbeitrag in Michael Wolfssohns eigenen Worten lesen.
Betrug? Das scheint die ehemalige Bezirksbürgermeisterin Richter-Kotowski anders zu sehen. 2017 äußerte sie sich klar: „Das Land Berlin hat hier keine ‚Schulden‘ gegenüber der Familie Wolffsohn, auch keine ideellen Schulden“, schrieb sie in der Beantwortung der schriftlichen Anfrage, Drucksache 037/V. Und weiter: „Dem Bezirksamt erschließt sich nicht, warum … unter Hinweis auf den Voreigentümer Karl Wolffsohn auf dem heutigen Forstgrundstück eine nicht näher spezifizierte ‚kulturelle Nutzung‘ stattfinden sollte.“
Doch die CDU-Fraktion folgte dieser Einschätzung ihrer Bürgermeisterin nicht. Das Schicksal, das den Wolffsohns wiederfahren war, beschäftigte im Jahr 2019 wieder die Bezirksverordnetenversammlung: Die CDU stellte den Antrag, auf dem Grundstück einen „informativen Naherholungspunkt“ mit einer Aussichtsplattform zu errichten, „von der aus der Stölpchensee überblickt werden kann“. Mindestens eine Bank sollte ebenso aufgestellt werden wie eine Informationsstelle über die Geschichte des Grundstücks und des ehemaligen Grundstückseigentümers. Das Bezirksamt möge „sich bei den zuständigen Stellen“ für dieses Vorhaben einsetzen. Im Juni 2019 wurde der Antrag beschlossen. Verantwortlich für die Umsetzung des Antrags war damals der Bildungs- und Kulturstadtrat Frank Mückisch (CDU). Und dann ruhte still der See und die Bäume wiegten sich im Wind.
Erst im Sommer 2021 griff das Bezirksamt den Antrag wieder auf: Die damalige Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski sandte in Vertretung ihres Stadtratskollegen – Frank Mückisch war im Mai 2021 aus dem Amt geschieden, ein Nachfolger wurde von der CDU nicht gefunden – den Antrag samt Anschreiben an die damalige Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.
Das Projekt sei kurz vorgestellt und „um Vermittlung gebeten“ worden, teilt die heutige Bürgermeisterin Maren Schellenberg (Grüne) mit. „Eine Antwort hierzu ist, möglicherweise auch wegen der Regierungsumbildung, bisher nicht erfolgt“, sagte sie dem Tagesspiegel. „Von Seiten des Bezirksamts lässt sich heute nicht mehr abschließend aufklären, warum damals, Anfang der 60-er Jahre, keine Grünanlage errichtet wurde.“
Eines ist ihr wichtig: „Die Errichtung einer Grünanlage durch den Bezirk war auch durch den Beschluss nicht vorgesehen.“ Da das Grundstück den Berliner Forsten, also dem Senat gehöre, müsste dort das Nötige veranlasst werden, sollte dem Antrag entsprochen werden. Baukosten für die Errichtung eines Naherholungspunktes und einer Aussichtsplattform seien vom Bezirk nicht ermittelt worden, eine Planung gebe es nicht. Aber: „Eine Stele würde gegebenenfalls durch das bezirkliche Stelenprogramm finanziert werden können.“
Immerhin, der Bezirk scheint sich minimal bewegt zu haben. Denn laut Michael Wolffsohn hatte ihm im März 2021 Cerstin Richter-Kotowski schriftlich über die Bereitschaft des Bezirks informiert, „die Kosten für die Unterhaltung und Pflege“ der Gedenkstele zu übernehmen. Die Finanzierung der Grünanlage und die Errichtung der Stele aber könne der Bezirk nicht leisten.
Bemerkenswert ist, dass die heutige Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg dem Tagesspiegel schrieb: „Nach unseren Informationen sollte der Beschluss der BVV im Wesentlichen die Wolffsohn-Stiftung dabei unterstützen, in die Lage versetzt zu werden, für das Gelände Planungen vorzunehmen und Kosten zu ermitteln, um gegebenenfalls Lotto-Mittel zu erhalten.“
Wie die heutige Eigentümerin, die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz, zu der die Berliner Forsten gehören, künftig mit dem Grundstück Kohlhasenbrücker Straße 40 umgehen möchte, ist noch unklar. Eine Anfrage des Tagesspiegels blieb bis zum Redaktionsschluss dieses Newsletters unbeantwortet.
Mein Kommentar: Hat der Bezirk wirklich keine „Schulden“ bei den Wolfssohns? Zum Glück hat die CDU-Fraktion ihre damalige Bezirksbürgermeisterin eines Besseren belehrt. Der Hinweis des Bezirksamts, dass die BVV der Wolffsohn-Stiftung mit dem Beschluss unter die Arme greifen wollte, birgt politischen und moralischen Zündstoff. Denn im Klartext hieße das, die Wolfssohns würden selber dafür sorgen müssen, dass die Grünanlage, die eigentlich der Bezirk bauen wollte und wegen der die jüdische Familie ihren Wohnsitz verlassen musste, errichtet wird. Vorsichtig, Glatteis! Dass sich die Opfer der „Arisierung“ der Nazis überhaupt auf einen Grünanlagen-Deal einlassen mussten, ist schon fragwürdig – wäre die Villa 1933 von einer „arischen“ Familie bewohnt worden, stünde die Villa immer noch dort, eine Grünanlagen-Debatte gäbe es nicht. Jetzt auch noch den Bau der Grünfläche der Familie zuzuschustern, wäre eine Zumutung. Berlin ist in der Pflicht, zu seiner Geschichte zu stehen – und einen würdigen Umgang mit dem Grundstück Karl Wolffsohns zu finden. Mit Aussichtsplattform und Stele.