Namen & Neues
Sven-Hedin-Straße 11: Neben der Spionage-Villa werden nun Wohnungen gebaut
Veröffentlicht am 15.12.2022 von Boris Buchholz
Auf den ersten Blick ist das Grundstück Sven-Hedin-Straße 11 eine Brache wie so viele in der Stadt. Doch hinter der der Adresse verbergen sich viel Geschichte und viele Geschichten. Sie war Wohnort von Großbürgertum und Nazis, wurde zur Anschrift des Presseclubs der US-Amerikaner. Dann gaben sich Spione die Klinke in die Hand. Doch der Reihe nach.
Aktuell gehört das etwa 4100 Quadratmeter große Gelände mit der Hausnummer elf der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Schon seit zwei Jahren plant die Bundesfirma, dort zwei Mehrfamilienhäuser mit jeweils drei Geschossen zu bauen; 22 Wohnungen für Bundesbedienstete sollen entstehen. „Entsprechend des vorliegenden Bauvorbescheides werden die Gebäude voraussichtlich 11,60 Meter hoch sein mit einer Geschossfläche von circa 1800 Quadratmetern“, schrieb die Pressestelle der Bima dem Tagesspiegel.
Im Dezember hat die Bima beim Bezirksamt die Verlängerung des Bauvorbescheids beantragt. Warum mit dem Bau noch nicht begonnen worden ist, erklärt die Pressestelle mit „notwendigen planerischen Anpassungen in Bezug auf energetische Parameter“, mit Baukostensteigerungen „bei gleichzeitig gedeckelten Mieten“ sowie einem aufwendigen Vergabeverfahren. Doch jetzt heißt es: „Die Vorbereitungen für den Wohnungsbau sind in vollem Gange.“ Vermutlich im ersten Quartal 2023 solle der Bauantrag gestellt werden. Ob der Bau wie noch im Januar vorgesehen im Jahr 2024 abgeschlossen werden kann (hier zu lesen), scheint ob der Verzögerung fraglich.
Wer historisch bewandert ist, wundert sich: Müsste unter der Adresse Sven-Hedin-Straße 11 nicht eine Villa zu finden sein? Wer heute nach ihr sucht, muss einmal um die Ecke gehen: Vor einigen Jahren wurde das Grundstück geteilt. Der unbebaute Teil blieb die Sven-Hedin-Straße 11 und im Besitz der Bima, die geschichtsträchtige und 107 Jahre alte Villa ist heute unter der Adresse Karl-Hofer-Straße 31 zu finden. Das Land Berlin kaufte das Gebäude im Sommer 2020, zur Zeit prüft die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung den baulichen Zustand des Gebäudes. Nach Sanierungsarbeiten soll dann ein soziales Projekt in dem alten Haus eine neue Heimat finden.
Das alte Grundstück und die Villa darauf haben eine bewegte Geschichte: 1915 ließ sich der Speditionskaufmann Robert Haberling das repräsentative Zuhause im Landhausstil mit 14 Zimmern auf zwei Geschossen bauen. Der Lokalhistoriker Klaus-Peter Laschinsky hat im Zehlendorf-Jahrbuch für das Jahr 2023 die Geschichte des Hauses aufgeschrieben: Erst wechselten die Besitzer rege, dann wohnte ab 1935 der Chef des Reichs-Pressebüros und spätere Reichswirtschaftsminister Walther Funk in der Sven-Hedin-Straße 11. 1939 wurde die Villa Residenz des Vertreters des Protektorats Böhmen und Mähren.
Nach dem Krieg nutzte erst der sowjetische Bezirkskommandant das Haus für kurze Zeit. Als die US-Amerikaner später im Jahr 1945 den Südwest-Sektor übernahmen, wurde die Landhausvilla zum Amerikanischen Presseclub und zum Treffpunkt internationaler Presseleute: Die Journalisten mussten einen Jahresbeitrag von 25 Dollar zahlen. Es folgten etliche weitere Nutzungen durch die Amerikaner – und dann nach 1994 der Leerstand.
Nach der Wiedervereinigung und dem Abzug der Alliierten aus Berlin ging die Villa in den Besitz der Bundesrepublik über: Im August 1999 zog August Hanning, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, in seine neue Dienstvilla ein. Fortan trafen sich in Zehlendorf die Top-Spione: Das Erdgeschoss wurde zur BND-Repräsentanz ausgebaut. Auch die folgenden deutschen Geheimdienstchefs residierten in der Sven-Hedin-Straße – bis das Haus renovierungsbedürftig den Ansprüchen der obersten Schlapphüte nicht mehr genügte. Es folgte jahrelanger Stillstand. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben übernahm – und begann mit den Planungen für den Wohnungsbau.