Kiezgespräch

Veröffentlicht am 16.08.2018 von Markus Hesselmann

Im Kiezgespräch in dieser Woche die Kiezdebatte. „Ist der Begriff ‚Kiez‘ überhaupt korrekt?“ Das hatte ich Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser, in der vergangenen Woche gefragt, nachdem der frühere Stadtführer Yorck Kaempfer mich darauf hingewiesen hatte, dass zum Beispiel Dahlem aus seiner Sicht zwar ein Vorort oder Villenvorort sei, aber bestimmt kein Kiez. Daraufhin gab es eine ganze Reihe von durchaus kontroversen Wortmeldungen. Und die sind so anregend und kreativ, dass ich sie hier ausführlich wiedergeben möchte (weitere Stimmen zum Thema gern an leute@tagesspiegel.de):

Diana Sanz: Hallo, das ist eine interessante Frage, diese Frage nach dem Kiez! Nun gebe ich dem „alten Stadtführer“ insofern recht, dass der Kiez historisch ursprünglich nur ein bestimmter Teil des ganz alten Berlins war. Allerdings kenne ich seit meiner Kindheit diesen Begriff auch als Bezeichnung für die unmittelbare Wohnumgebung, da wo man aufwächst, seine Nachbarn kennt, einkaufen geht, zu Schulzeiten die Freunde leben, usw., mehr ein Gefühl als ein Ort. Und ich bin nicht aus der westdeutschen Provinz zugewandert, sondern vor 53 Jahren in dieser Stadt geboren. Das bedeutet aber, dass so ein Kiez jeweils nur für bestimmte Leute ist und nicht für alle anderen, weshalb das mit dem Dahlemer Kiez in einem Zeitungsartikel tatsächlich seltsam klingt. Wer aber in Dahlem lebt, darf das ruhig sagen, finde ich. Es hat eben jeder seinen ganz persönlichen Kiez. Ich bin wirklich neugierig, wie andere Berliner das sehen.

Andreas Bischoff: Heute wird der Begriff „Kiez“ verschludert. Kieze waren früher die traditionellen Arbeiterviertel, wie z.B. Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg pp. Für mich ist heute ein Berliner Kiez noch der Ort, wo man noch weiß, was „ne Molle und nen Korn“ oder ein „Herrengedeck“ ist. Kein Kiez ist Dahlem – auch nicht Lichterfelde usw. Ich habe z.B. viele Jahre am Ende des Ostpreußendamms gewohnt. Niemand hätte dies als den Kiez bezeichnet. Man sagte dort, dass man auf dem Berg wohnt – der Ostpreußendamm hat dort eine leichte Steigung. Der Berg wurde auch ab und zu als „Galgenberg“ bezeichnet, obwohl es dort nie einen Galgen gab. Und wenn man sagte, und das ist auch heute noch so, man fährt in die Stadt, dann war nicht die Berliner Innenstadt gemeint, sondern die Schloßstrasse. Auch dies war und ist kein Kiez.

Sabrina Röhl: Für mich ist mein Kiez mein Wohnbezirk, da wo ich mich tummle und zu Hause bin. Früher war das Charlottenburg, nun Lichterfelde-West. Liebe Grüße an Herrn Kaempfer von einer Ur-Berlinerin (schon meine Eltern sind in Berlin geboren).

Wilfried Müller: Moin, Dahlem ist kein Kiez. In Hamburg sprach man schon in den 1960er Jahren vom Kiez und meinte St. Pauli um die Reeperbahn herum. Also ein Gebiet mit besonderen Angeboten. Dahlem ist landläufig wohl ein Villen(vor)ort mit dörflichem Charakter geblieben. Jedoch gewinnt der Lehr- und Wissenschaftsbetrieb der FU immer mehr an Einfluss durch die Konzentration von Instituten in größeren Gebäuden. Positiv!

Inga Kraft: Hallo, zu Ihrer Frage als Zugereister: Mein Kiez ist für mich als gebürtige Berlinerin der Bereich von Berlin, wo ich mich zu Hause fühle. Allerdings würde ich eine eigenständige Bezeichnung der Vororte als „Düppel-Kiez“ oder „Carstennstraßenkiez“ etc. nicht als Begriff bilden. Auch wenn der Stadtführer mir da sehr streng und formal erscheint, ist etwas Wahres an seiner Kritik dran. Da Kiez aber so viel mit Gefühl zu tun hat, verschließt er sich doch per se einer genauen Definition. Sehen wir das doch preußisch-liberal und lassen wir jeden in seinem Kiez nach seiner Façon selig werden!

Axel Jürs: Kiez ist nach meiner in 35 Berliner Jahren gewachsenen Einschätzung eine städtische Zone äußerlich gemeinsamen Lebensgefühls, so unterschiedlich es individuell ausgeprägt sein mag. Die Größe der Zone kann dabei ebenfalls individuell variieren. Bisweilen gibt es auch die geografisch überlagernden interessen- oder verhaltensgeprägte Kieze, wie zum Beispiel um Spielplätze, Sportanlagen, Badestellen, Parks oder Kirchplätze herum. Einzig die Berliner Mecker-, Jammer-  und Besserwisserkieze sind – ähnlich den Kommunen des Ruhrgebiets – in ihren geografischen Abgrenzungen kaum noch wahrnehmbar und bisweilen flächendeckend ausgedehnt…??

In meiner Geburtsstadt Hamburg bezeichnet der Kiez im Gegensatz dazu hanseatisch klar und allgemeingültig die Rotlichtzone, also ein Gebiet, dem sich die Mehrheit deutlich als nicht dauerhaft zugehörig zurechnen möchte, während in Berlin sich auch jene gerne einem beliebigen Kiez zugehörig erklären, wenn sie gerade erst letzte Woche ihren Zuzugskoffer oder Umzugswagen ausgepackt haben – was dann selbstverständlich von „alteingesessenen“ MeckerInnen, BesserwisserInnen und JammerInnen jeder Berliner Provenienz (s.o.) selbstverständlich sofort zurückgewiesen wird, also von Leuten die schon mindestens drei Tage länger da sind. Ich bin als gebürtiger Hanseat und gelernter Berliner schon zufrieden, dass die ehemaligen historisch-typischen Dienstpflichten gegenüber ansässigem niederen Adel (linker oder rechter Mehrheiten in der BVV) heute entfallen und bin ansonsten sehr skeptisch gegenüber der Gewohnheit, seinen Horizont für sich selbst so eng zu ziehen (oder anderen gegenüber) und auf diese Begrenztheit auch noch stolz zu sein. Ich genieße eher gelingendes internationales Miteinander, ob nun dauerhaft oder temporär, in der ganzen Vielfalt lokaler Ausprägung.

Vielleicht ist K.I.E.Z aber ja auch ein verstecktes berlinisches Akronym?

…wie zum Beispiel:

„Kannste immer einfach zujehören…“

…oder auch für alle geborenen, gebürtigen, gelernten und gefühlten BerlinerInnen:

„Komfort-, Identifikations- (und) Echtberlinisch-Zone“.

Ursprünglich schrieb man Kiez übrigens Kietz, was man noch in manchen (nicht nur brandenburgischen ) Kommunen auf entsprechenden Straßenschildern bis heute lesen kann (z.B. Am Kietz).

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