Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.08.2020 von Boris Buchholz

Stephen Defty lässt die Scheiben fliegen: Er ist elfmaliger Deutscher Discgolf-Rekordmastermeister (das sind beim Sport um die Plastikwurfgeschosse die „alten Herren und Damen“), 13-maliger Berliner Meister, Vize-Europameister der Grandmaster Spielklasse, er nahm an zwei Weltmeisterschaften teil. Auch mit 63 Jahren lässt er die Frisbee nicht ruhen, leitet die Wurfscheiben-Abteilung beim SC Siemensstadt und betreut mit Manuel Franz vom TuS Lichterfelde den neuen Discgolf-Parcours am Teltowkanal (ich berichtete). Seine fünf Kinder besuchten die John-F.-Kennedy-Schule, die Familie wohnt in Düppel.

Herr Defty, Sie haben Anfang der 1980-er Jahre den Discgolf-Sport aus den USA nach Berlin gebracht. Wie kam es, dass sie damals nach Berlin zogen – und blieben? Meine Uni in Boston hatte eine Austauschprogram in Tübingen, wo ich meine erste Frau kennengelernt habe. Sie war Lankwitzerin, lud mich zum Besuch ein, und – sehr verkürzt – so sind aus einem Besuch von drei Tagen inzwischen fast vierzig Jahre geworden. Berlin habe ich immer geliebt, mit zwei Kindern aus der ersten Ehe und jetzt drei Kindern aus der zweiten Ehe war Bleiben selbstverständlich.

Was fasziniert Sie so an fliegenden Scheiben? Ich und die Frisbee kamen beide im Sommer 1957 zur Welt und ich habe schon immer mit der alten „Frisbee“, so hieß der geschützte Markenname damals, Scheiben hin und her gespielt. Faszinierend waren für mich immer die Schwebefähigkeit und die Kurvenwürfe, so etwas macht kein Ball. Discgolf find ich toll, weil es unter freiem Himmel gleichzeitig richtiger Wettkampfsport sein kann und aber auch ein Freizeitvergnügen. Alle Alten können spielen, man kann es alleine genießen, Männer und Frauen können gut spielen, es ist gar nicht teuer und man wird schnell besser. Ich habe Discgolf erst auf meiner Uni gespielt, mit Objekten wie dem Fahnenmast oder einem Feuerhydrant als Ziele. Einen richtigen Discgolf-Korb habe ich zuerst hier in Deutschland gesehen. Discgolf selber ist Ende der 1960-er Jahre in Kalifornien mit der Erfindung des Korbs von Ed Headrich entstanden.

Ich stelle mir vor, dass die Vitrine mit Ihren Trophäen aus allen Nähten platzt – machen Ihnen Ihre Kinder bereits Konkurrenz? Es gab schon viele Trophäen, aber über die Jahre habe ich fast alle meine Pokale umgewidmet, quasi recycelt, und sie anderen Spielern bei diversen Turniere übergeben. Zum Beispiel beim großen Familienturnier in den USA, bei dem meine Tochter Lucy die jüngste Siegerin in 35 Jahren war. Sohn Ben, er ist 15, kann auch schon gut spielen, ist aber Vollblut-Basketballer bei TuSLi. Schlagen können sie mich noch nicht…

Sie sind Psychologe und arbeiten als Erzieher für die Genossenschaft Cooperative Mensch, früher hieß sie Spastikerhilfe. Wie geeignet ist Discgolf für Menschen mit Behinderung? Das kommt natürlich auf die Behinderung an. Super ist Discgolf für Gehörlose; Rollisportler und Gehbehinderte können auch gut spielen, wenn das Gelände es zulässt. Man muss – anders als bei vielen anderen Sportarten – nicht schnell sein, fangen oder gegen andere kämpfen.

Bieten Sie beziehungsweise TuSLi inklusive Discgolf-Angebote an? Wir haben den Parcours gerade erst eröffnet und haben vieles vor. Da habe ich schon viele Ideen.

Durch Corona blieb dieses Jahr die Frisbee am Boden: Die 33. Berliner Discgolf Open wurden abgesagt – wann geht der Wettkampf-Betrieb für die Sportlerinnen und Sportler wieder los? Mit über 200 Parcours in Deutschland finden normalerweise jedes Wochenende zwei oder drei Turniere statt. Dieses Jahr fiel natürlich alles aus. Discgolf lässt sich aber exzellent sozial „gedistanced“ spielen und legt gerade jetzt wieder los. Wir Discateers vom TuSLi haben gerade an dem Team Cup in Potsdam teilgenommen und die Deutsche Meisterschaft wird wie geplant in Salzgitter im September gespielt. Darauf freuen wir uns alle. – Text: Boris Buchholz
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Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Die Tagesspiegel-Newsletter für die 12 Berliner Bezirke (mit schon 220.000 Abos) gibt es kostenlos und in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de