Nachbarschaft

Veröffentlicht am 20.04.2021 von Sigrid Kneist

Engin Çatık, 35, Schulleiter der Johanna-Eck-Oberschule in Tempelhof

Vorfreude auf Schulunterricht. In der vergangenen Woche war es noch ruhig in der Tempelhofer Sekundarschule, die Gänge nicht belebt, die Klassenzimmer leer. Schulleiter Engin Çatık saß an diesem Tag in seinem geräumigen, hellen Büro und sprach davon, dass die Schülerinnen und Schüler in wenigen Tagen wiederkommen werden. „Wir freuen uns auf sie“, sagte er und meint mit dem „Wir“ das Kollegium an der Schule. Seit gut anderthalb Jahren leitet Çatık die Johanna-Eck-Schule – zunächst kommissarisch, inzwischen längst auch offiziell. Nur die zehnten Klassen, die nach diesem Schuljahr die Schule verlassen werden, waren bisher im Präsenzenunterricht. Für die Siebt- bis Neuntklässler hieß es hingegen seit dem 16. Dezember vergangenen Jahres: Gelernt wird zu Hause.

Gelungener Start. An diesem Montag waren die Schülerinnen und Schüler wieder da. Nur ganz wenige Eltern hätten ihre Kinder weiter zu Hause gelassen, um die Selbsttests zu vermeiden, sagt der Verwaltungsleiter der Schule, Axel Jürs. Denn anders als in anderen Bundesländern gibt es in Berlin keine Präsenzpflicht. Das vorgeschriebene Selbsttesten der Schüler, das jeweils montags und donnerstags in den Klassenräumen stattfindet, sei problemlos verlaufen. Zwei Tests fielen positiv aus. Die Betroffenen wurden nach Hause geschickt. Die Jugendlichen seien durchweg souverän mit der Situation umgegangen. Wer am Montag gefehlt hat, wird am Dienstag nachgetestet. Çatık gehört zu den Befürwortern einer Testpflicht in der Schule, so hat er eine Kontrolle über die Tests und die Getesteten. Für das Kollegium wiederum ist in der Turnhalle eine kleine Station aufgebaut; vor den Kletterseilen stehen die Tische mit den Testutensilien. Drei Mitglieder des Kollegiums haben eine Schulung für die Tests absolviert.

Jeder Schüler, jede Schülerin – jeden Tag. Das ist das Credo der Schule für den Präsenzunterricht. „So halten wir zu allen Kids am besten den Kontakt“, sagt Çatık. Die Klassen sind in zwei Gruppen geteilt, die wechselweise am Vormittag von der ersten bis zur vierten Schulstunde und am Nachmittag von der fünften bis maximal der achten Schulstunde kommen.

Am Dienstagvormittag herrscht fast ein wenig Normalität in der Schule: An diesem Tag und am Mittwoch finden für die Zehntklässler ihre Abschlusspräsentationsprüfungen statt. Die ersten treffen bereits um 6.30 Uhr ein und wollen angesichts des guten Wetters auf dem Schulhof frühstücken. Wie lange die Schüler allerdings weiter die Schule besuchen werden können, hängt stark davon ab, wie sich die Zahl der Corona-Infizierten in Berlin entwickelt. Denn an diesem Mittwoch werden zunächst der Bundestag und dann am Donnerstag der Bundesrat die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes beschließen. Und diese besagt für die Schulen, dass bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 165 (Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen) die Schüler wieder zu Hause bleiben müssen. Berlinweit liegt dieser Wert derzeit bei 152. Würde man Tempelhof-Schöneberg allein betrachten, wäre die 165 nur knapp verfehlt; der Wert hier liegt bei 163,5.

Wie läuft der Unterricht? In allen Klassenzimmern der Schule gibt es inzwischen Smartboards, deren Oberfläche sich auch auf dem Computerbildschirm teilen lässt, so dass sich der Unterricht auch zu Hause verfolgen lässt. Nicht alle Klassen können gleichzeitig streamen, das gibt das WLAN-Netz der Schule nicht her. Ungefähr zehn parallele Streams verkrafte das Netz, sagt Çatık.

Auf einem guten Weg. Nachdem aufgrund der Turbulenzen um Çatıks Vorgängerin in den vergangenen Jahren die Zahl der Anmeldung für die Schule stark gesunken war, liegen für das kommende Schuljahr 95 Anmeldungen von Eltern vor, die die Johanna-Eck-Schule für ihre Kinder ausgesucht haben. Das sind fast so viele Plätze, wie die vierzügige Schule hat, so dass ihr nur noch wenige Schülerinnen und Schüler zugewiesen werden können, die an anderen Schulen keinen Platz gefunden haben. „Die Eltern interessiert und finden es gut, dass sich an einer Schule etwas bewegt“, sagt Çatık.

Eine Frage der Klassenstärke. Eine Unsicherheit, wie sich die Klassen im neuen Schuljahr zusammensetzen, bestand in den vergangenen Wochen: Man wusste nicht, wie viele Schülerinnen und Schüler aufgrund von Corona das Schuljahr freiwillig wiederholen werden. Vor einer Woche mussten die Eltern ihre Entscheidung bekannt geben. Es sieht so aus, dass die Zahl der freiwilligen Wiederholer vergleichsweise gering sein wird und es an der Schule kein allzu großes Problem werden wird. Nicht einmal fünf Prozent der Eltern hätten einen solchen Wunsch geäußert.

Die Schule will wachsen. Vor knapp zwei Jahren fiel im Bezirk die Entscheidung, dass die Johanna-Eck-Schule Gemeinschaftsschule werden soll. Also eine Schule, in der von der ersten bis zur 13. Klasse gelernt werden kann. Für Çatık könnte die Erweiterung der Schule schon eher heute als morgen losgehen. Er hat Lust auf diese neue Herausforderung. Allerdings weiß er auch, dass dafür erst einmal die notwendigen Räumlichkeiten geschaffen werden müssen. Dass so etwas immer länger dauern kann als zunächst geplant, weiß man in Berlin. Auch die Schule hat ihre Erfahrungen. Zwei Jahre liegt das Projekt Mensaneubau inzwischen hinter dem Zeitplan zurück. Planungsfehler und daraus resultierende Rechtsstreitereien führten zur Verzögerung. Aber Ende des Jahres soll der Neubau endlich stehen, das bekräftigte Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne) kürzlich im Schulausschuss. Der Neubau wird mit einer Schuppenhaut aus Edelstahlblechen verkleidet, so dass das Gebäude einem Raumschiff ähnelt. Vielleicht ein Sinnbild für einen Aufbruch in eine neue Zeit.

  • Seit Beginn der Pandemie lässt Verwaltungsleiter Axel Jürs die Newsletter-Leserinnen und -Leser Einblick in das Online-Tagebuch der Schule nehmen.
  • Die 56 Folgen des Pandemietagebuchs finden Sie hier: tagesspiegel.de

Foto: Thilo Rückeis

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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+++ Die Themen der Woche:

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  • Radschnellweg durch den Bezirk: Kritik an der Teltowkanalroute
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  • Eingeschlagene Fenster, Schmierereien: Antisemitismus im Bezirk
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