Intro
von Cay Dobberke
Veröffentlicht am 20.03.2020
das neue Coronavirus verbreitet sich so schnell, dass die bekannte Zahl der Infizierten schon innerhalb weniger Stunden deutlich wächst. Beim Redaktionsschluss für diesen Newsletter wurden in ganz Berlin 731 Fälle gemeldet. Tagelang war Charlottenburg-Wilmersdorf am stärksten betroffen. Momentan belegt der Bezirk Mitte den traurigen Spitzenplatz in der Statistik, gefolgt von der City West. Die meisten Läden mussten schließen – außer Supermärkten und bestimmten anderen Geschäften, die als besonders wichtig gelten.
Restaurants dürfen ihre Kunden nur bis 18 Uhr bedienen, danach ist lediglich ein Außer-Haus-Verkauf erlaubt. Bars und Kneipen ohne Küche dürfen gar nicht mehr aufmachen. Auch Schulen und Universitäten, Kitas sowie Kultur- und Sportstätten bleiben mindestens bis zum Ende der Osterferien am 19. April geschlossen. Kirchen öffnen, wenn überhaupt, nur zum stillen Gebet. Gottesdienste finden nicht mehr statt. Der Zoo und sein Aquarium lassen seit Dienstag keine Besucher mehr hinein, auch wenn der Berliner Senat dies nicht angeordnet hatte.
In unserem Stadtteil lautete eine der häufigsten Fragen, warum die Kinderspielplätze zunächst nicht gesperrt wurden. Charlottenburg-Wilmersdorf gehörte mit Neukölln, Pankow und Treptow-Köpenick zu den Bezirken, die zögerten. Vize-Bürgermeister Arne Herz (CDU) sagte noch am Donnerstag: „Rein aus virologischer Sicht können wir uns eine Schließung vorstellen.“ Man wolle aber keinen „Spielplatz-Tourismus“ unter Eltern auslösen. Deshalb sei eine einheitliche „Senatslinie“ nötig. Es bringe allerdings wenig, Spielplätze zu schließen, wenn Kinder dann stattdessen „in großen Innenhöfen spielen“. Am Freitagnachmittag meldete das Bezirksamt schließlich aber doch, dass es die Spielplätze ab dem 21. März sperrt.
Ihre eigenen Dienstleistungen hat die Bezirksverwaltung eingeschränkt. Eine Übersicht finden Sie hier. Von den Bürgerämtern steht nur noch das am Hohenzollerndamm 177 zur Verfügung, und zwar ausschließlich für Kunden mit einem vereinbarten Termin. Laut Arne Herz, der als Stadtrat für die Bürgerdienste zuständig ist, wurden alte Terminbuchungen storniert, um mehr Neuanmeldungen in dringenden Fällen zu ermöglichen.
Noch nicht betroffen sind die zwölf bezirklichen Wochenmärkte, sie finden „bis auf Weiteres“ statt. Bei Läden und Restaurants will das Ordnungsamt hingegen stärker kontrollieren, ob sie gegen die Sonderverordnungen verstoßen, was seit Mittwoch einige Male geschehen war. Die Kontrollen in Parkraumbewirtschaftungszonen will Stadtrat Herz dafür nicht aussetzen, er erwägt aber, die zuständigen Kräfte des Ordnungsamts mit anderen Mitarbeitern gemeinsam auf Streife zu schicken.
Die Bezirkspolitik liegt weitgehend lahm. Die ursprünglich für den gestrigen Donnerstag geplante BVV-Sitzung wurde ebenso abgesagt wie alle Ausschusssitzungen bis zum 19. April. Darauf einigten sich die Fraktionsvorsitzenden. Alle zwei Wochen wollen sie sich in Telefonkonferenzen untereinander und mit dem Bezirksamt austauschen. Nur FDP-Fraktionschef Felix Recke hatte dagegen argumentiert. „Insbesondere in Krisenzeiten“ müsse den Bürgern vermittelt werden, dass die Verwaltung und die Politik handlungsfähig seien, findet er. Die BVV habe eine „verfassungsmäßige Pflicht“, die Arbeit des Bezirksamts zu kontrollieren.
Ermutigend sind die vielen Nachbarschaftshilfen. Rund 20 Bürgerinitiativen, Begegnungszentren und Kirchengemeinden im Bezirk haben eine Online-Anlaufstelle ins Leben gerufen, damit sich „Nachbarschaften in Zeiten der zunehmenden Isolation unterstützen können“. Telefonisch können sich Helfer und Hilfesuchende unter der Nummer 0157 331 792 36 melden.
Hinzu kommen Gruppen im Nachbarschaftsportal nebenan.de und beim Instant-Messaging-Dienst Telegram (Charlottenburg solidarisch und Wilmersdorf solidarisch) sowie Aktionen der Initiative Karl-August-Kiez_lebenswert und der SPD-Abteilung Westend-Klausenerplatz (dort sollen sich ehrenamtliche Helfer aus dem Kiez um den Klausenerplatz per E-Mail an SPD.klausenerplatz.city-westend@web.de melden). Bewohner und Nachbarn der Künstlerkolonie in Wilmersdorf unterstützen sich ebenfalls gegenseitig. Für ganz Berlin hat ein Bürger das Portal coronaport.net gegründet.
Der evangelische Kirchenkreis bündelt die Angebote seiner Gemeinden und Einrichtungen unter cw-evangelisch.de/wirsindda. „Viele Freiwillige stellen sich für Einkaufsdienste oder Botengänge zur Verfügung“, sagt Sprecherin Juliane Kaelberlah. „Es sind gar nicht immer kirchlich Engagierte, sondern viele, die wir noch gar nicht kennen. Das freut uns sehr.“ In Gemeinden würden Helferlisten angelegt. Die Kirchengemeinde Neu-Westend an der Eichenallee 47 sammelt Schlafsäcke für Obdachlose. Eine Beratung zum „Familienleben in Corona-Zeiten“ bietet die Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach an. Normalerweise ist sie im Campus Daniel tätig, nun schreibt sie im Homeoffice einen Blog und beantwortet Fragen per E-Mail, Telefon oder Video-Anruf über Skype.
Manche Andachten und Gebete überträgt die evangelische Landeskirche per Livestream. Einen ökumenischen Gottesdienst der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche unter dem Motto „Verbunden bleiben!“ überträgt das rbb Fernsehen am Sonntag, 22. März, ab 10 Uhr.
Die Berliner Taxibranche bietet unter Tel. 20 20 20 einen Einkaufsservice an, der besonders für Senioren und gehbehinderte Menschen gedacht ist. „Schwere Dinge wie Wasser, H-Milch oder Säfte werden kurzfristig ins Haus geliefert“, heißt es. Zu bezahlen sei nur der Preis für die Waren und der normale Taxitarif. Buchhandlungen wie der Bücherbogen am Savignyplatz liefern Bücher innerhalb Berlins kostenfrei aus.
Spezielle Öffnungszeiten der Lebensmittelgeschäfte nur für Senioren und Menschen mit Behinderungen verlangt Heinz Murken von der Wählervereinigung Aktive Bürger Berlin in einem Schreiben an den Berliner Senat und das Bezirksamt. Bisher deutet allerdings nichts darauf hin, dass die Forderung erfüllt wird. Auch im Nachbarbezirk Steglitz-Zehlendorf wird dieser Wunsch laut, wie mein Kollege Boris Buchholz in seinem Newsletter schreibt.
Unter den Folgen der Pandemie leiden auch gemeinnützige Einrichtungen. So schloss die Beratungsstelle Offene Tür Berlin an der Witzlebenstraße 30a, weil es dort nach Auskunft der Leiterin Gabriele Vitt-Urbatzka „höchstwahrscheinlich zu einem Kontakt mit einer infizierten Person gekommen war“. Ein Abonnent unseres Leute-Newsletters kritisiert die Schließung als „völlig überzogen“. Gabriele Vitt-Urbatzka erwidert, man habe „alle Klient*innen kontaktiert und um Verständnis gebeten sowie allen die Telefonnummer der Telefonseelsorge und des Krisendienstes übermittelt“. Mehr könne die „personell nicht so gut ausgestattete“ Einrichtung zurzeit nicht leisten.
Dem Weltladen A Janela an der Emser Straße 45 untersagte das Ordnungsamt am Donnerstag den weiteren Verkauf. Das Sortiment besteht zwar großenteils, aber nicht überwiegend aus Lebensmitteln. Nun gibt es einen Bestell- und Abholservice (Mo. bis Fr. 14–16 Uhr, Tel. 886 808 77, E-Mail: info@ajanela.de).
Unser Leser Cornel Prüsse regt an, dass Berliner „ähnlich wie die Italiener“ täglich um 19 Uhr an ihren Wohnungsfenstern und auf Balkonen klatschen sollten, um sich bei allen zu bedanken, die gegen die Ausbreitung des Virus kämpfen oder die Versorgung der Bevölkerung sichern. Auch hier eine ähnliche Idee aus dem Nachbarbezirk.
Auf dem Messegelände am Funkturm will der Berliner Senat ein spezielles Covid-19-Krankenhaus für bis zu 1000 Patienten aufbauen. Die Planung wurde dem früheren Landesbranddirektor Albrecht Broemme übertragen.
Wer sich krank fühlt, soll zuerst die Hotline der Senatsgesundheitsverwaltung (Tel. 9028 28 28) anrufen, die aber oft überlastet ist. Eine der Berliner Ambulanzen für Coronavirus-Verdachtsfälle betreiben die DRK Kliniken Westend am Spandauer Damm 130 (Haus 10, Mo. bis Fr. 9–15 Uhr).
Der Tagesspiegel berichtet in einem Liveticker fortlaufend über die Entwicklung in Berlin. Eine zusätzliche aktuelle Übersicht finden Sie hier. Es gibt sie auch in englischer, arabischer und türkischer Sprache. Antworten auf 66 wichtige Fragen zum Coronavirus haben wir hier zusammengefasst. Welche Symptome auf eine Erkrankung hindeuten und wie man diese von einer Erkältung unterscheidet, steht hier. Über falsche und irreführende Gerüchte, also „Fake News“, klären wir hier auf.
Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de