Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.06.2021 von Cay Dobberke

„Fortsetzung folgt…“, verkündet Felix Palent mit einem Schriftzug am Schaufenster der Buchhandlung „Knesebeck Elf“. Nach dem Tod ihres Gründers Leo Baumann schien die Zukunft des Buchladens an der Knesebeckstraße 11, der in Charlottenburg seit mehr als 40 Jahren einen nahezu legendären Ruf genießt, lange ungewiss. Doch nun hat eine Berliner Familie die Räume gekauft und an Palent vermietet. Er lobt die „stabile, langfristige Lösung“ und plant die Neueröffnung anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober.

Als er die Tür in dieser Woche aufmachte, obwohl noch nicht wieder verkauft wird, sprachen ihn prompt viele Neugierige an. „Es geht weiter – das ist ja wunderbar!“, freute sich ein älterer Herr. Andere wollten wissen, ob auch künftig die besonders schönen Adventskalender verkauft werden, die Leo Baumann ganzjährig in einem der Schaufenster ausgestellt hatte. Ja, die Adventskalender blieben im Sortiment, antwortete Palent. Allerdings wolle er sie im Sommer „nicht mehr so prominent“ bewerben.

Der 36-jährige stammt aus Potsdam, ließ sich bei den Ullstein Buchverlagen zum Verlagsbuchhändler ausbilden und studierte Theaterwissenschaft. Seit rund einem Jahrzehnt wohnt er in Moabit. Im Potsdamer Literaturladen Wist arbeitete er sieben Jahre lang als leitender Angestellter. Dann dachte er sich: „Ich kann es auch alleine.“

Leo Baumann war im vorigen Dezember im Alter von 68 Jahren nach einem Herzinfarkt gestorben. Einen Nachruf auf den außergewöhnlich engagierten und etwas schrulligen Buchhändler können Sie hier auf tagesspiegel.de lesen. Der Ladenraum gehörte der Investitionsbank Berlin (IBB), die ihn per Aushang für eine halbe Million Euro zum Kauf anbot. „Das hätte ich mir nicht leisten können“, sagt Felix Palent.

Um die Buchhandlung zu retten, sandte die Wohnungseigentümergemeinschaft im Haus an der Knesebeckstraße einen von Stammkunden und Kulturfreunden mitgezeichneten Offenen Brief an Berliner Senatoren und die IBB. In einem Bieterverfahren habe „eine bibliophil interessierte Familie“ den Zuschlag erhalten, sagt Banksprecher Jens Holtkamp. „Wir sind sehr froh, dass wir als IBB eine vernünftige Lösung gefunden haben, die alle Interessen vereint.“

Bis unter die Decke reichen die prall gefüllten Bücherregale, die Leo Baumann hinterlassen hat. Kartons voller Literatur füllen sogar einen Großteil des Toilettenraumes. Nun steht eine Sanierung des Ladens bevor. Unter anderem soll die Elektrik modernisiert werden. Außerdem gibt es Schäden am Boden, die Baumann nur notdürftig mit aufgeklebtem Paketband kaschiert hatte. „Alle Bücher müssen raus, aber fast alle kommen wieder zurück“, kündigt Palent an.

Über seine Fortschritte möchte er in den Schaufenstern informieren, damit die Stammkundschaft „keine Angst hat, wenn eine Palette mit Büchern herausgebracht wird“. Palent will nichts wegschmeißen, plant allerdings, manches an einen Antiquar zu verkaufen.

Andererseits soll das Sortiment insgesamt wachsen. Hinzu kommen Kinder- und Jugendbücher und mehr internationale Literatur. Den Schwerpunkt auf philosophischer Literatur behält Palent bei. Außerdem plant er Begegnungen mit Autor:innen und andere Veranstaltungen. „Wir wollen über den Kiez hinaus strahlen.“ Zu seinem Team gehören eine Buchhändlerin und ein Student.

Die Rolle der Investitionsbank bei der Erhaltung der Buchhandlung nennt Palent „konstruktiv“. Begeistert ist er vor allem über die neuen Vermieter. Die Familie habe „den Laden gekannt und war ihm seit einer Ewigkeit verbunden“. Der Mietpreis sei relativ günstig, es handele sich „fast um Mäzenatentum“.

Erstmals soll es künftig einen Onlineshop geben. Dieser wird allerdings nur eine Nebenrolle spielen. Denn im Wettbewerb mit Internet-Versandhäusern  sieht Palent die Chance und die Stärke stationärer Buchhandlungen im „kleinen Format mit enger Beratung“.

Foto: Cay Dobberke

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