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Autofreie Berliner Allee: Von "Unverschämtheit" bis Verständnis

Veröffentlicht am 20.06.2019 von Christian Hönicke

Autofreie Berliner Allee: Von „Unverschämtheit“ bis Verständnis. Jede Menge Rückmeldungen gab es auf die Weißenseer Autofrei-Aktion in der Berliner Allee in Berlin-Pankow. Als „Unverschämtheit und Rücksichtslosigkeit uns anderen Bürgern gegenüber“ empfand der Anwohner Hans-Joachim de Bok die temporäre Sperrung der Straße am vergangenen Sonnabend. Die Allee sei eine wichtige Hauptverkehrsstraße, und das habe eben auch negative Aspekte. „Ich wohne seit 1941 in Weißensee, aber leider muss ich feststellen, dass immer mehr Zugezogene mit ihren überzogenen Forderungen unseren schönen Bezirk und Berlin runterwirtschaften.“

Obwohl er selbst häufig mit dem Rad auf der Berliner Allee fahre, sieht er vor allem rücksichtslose Radfahrer, die gefährliche Situationen hervorrufen: „Das ist die Wirklichkeit und da helfen auch keine noch so breiten Radwege, weil in dem egoistischen Denken in unserer Gesellschaft kein Platz für den Anderen ist.“

In die gleiche Kerbe schlägt der Anwohner Norbert Kopec. „Ich wohne schon 70 Jahre im Bezirk und bin bisher mit der Verkehrsführung gut zurecht gekommen.“ Doch er fühlt sich als Fußgänger auf der Berliner Allee von „unvernünftigen und rücksichtslosen Fahrradfahrern“ bedrängt.

Verständnis für die Aktivisten hat dagegen die frühere Bezirksstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). „Ich verstehe die Leute von der Berliner Allee total, genauso wie ich die Heinersdorfer, Blankenburger, Karower, Bucher verstehe. Oder die Menschen, die an der Prenzlauer Allee wohnen. Oder die in Französisch Buchholz. Oder, oder, oder…“

Das Grundübel sei eine generell unkoordinierte Stadtentwicklung, so Zürn-Kasztantowicz: „Die Leute finden keine Wohnungen, ziehen immer weiter raus und generieren immer mehr Pendlerströme. Deshalb kollabiert inzwischen der ÖPNV regelmäßig und die Leute fahren halt mit dem Auto.“ Weißensee etwa sei von Norden her kaum anders zu erreichen als mit dem Pkw.

Berlin müsse einen komplett anderen Ansatz wählen, findet Zürn-Kasztantowicz. Viele Bürgerinitiativen seien immer nur „dagegen“, wenn es um Dinge vor der eigenen Haustür gehe. Man brauche deshalb einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, wie man die Stadt entwickeln wolle. Sie schlägt vor: „Endlich die innerstädtischen Wohnungsbaugebiete entwickeln: Michelangelostraße, Güterbahnhof Prenzlauer Berg, Rangierbahnhof Pankow, auch den Blankenburger Süden, Elisabethaue, um die Pendlerströme zu verringern. Gleichzeitig ÖPNV und Fahrradtauglichkeit massiv ertüchtigen. Und dann diese ganzen Einfallstraßen massiv verkehrsberuhigen, am Ende die Innenstadt komplett für Autos sperren.“

Von einem autofreien Pankow sind wir allerdings noch meilenweit entfernt – siehe nächste Meldung. – Christian Hönicke
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den kompletten Pankow-Newsletter, den wir Ihnen einmal pro Woche schicken, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

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