Namen & Neues

Wie man einen Wald umwandelt

Veröffentlicht am 20.03.2019 von Gerd Appenzeller

Wenn Sie ein Haus abreißen lassen wollen, dann entsteht was? Ein Trümmerhaufen, werden Sie vermutlich antworten. Und wenn Sie ein altes Auto in die Schrottpresse geben, dann entsteht was? Ein Quader Schrott, werden Sie sagen. Und wenn Sie einen schönen Laubwald fällen, dann entsteht was? Eine Brache, denken Sie wohl. Alles falsch. Im Fall eins handelt es sich um eine Hausumwandlung, im Fall Nummer zwei um eine KfZ-Umwandlung, und im Falle Nummer drei um eine Waldumwandlung. Sie meinen, ich hätte den Verstand verloren? Nein, es handelt sich nur um eine Gehirnumwandlung. Ich habe mich nämlich inzwischen dank des Hinweises eines sehr freundlichen Senatsmitarbeiters in das Grundsatzwerk „Waldumwandlung und Waldausgleich im Land Berlin“, Band 1, Berlin 2011, eingelesen. Dieses grundlegende Werk der Sprachumwandlung behandelt auf mehr als hundert Seiten, was mit dem Berliner Wald geschehen darf, und was nicht, und wie man was nennt, falls eben doch geschieht, was nicht geschehen sollte. Ab Seite 17 können Sie nachlesen, wie man einen Wald „umwandelt“. Ich bin bereit, mein Wissen mit Ihnen zu teilen. Unter diesem Link finden Sie in einem PDF-Dokument alles, was Sie wissen müssen: berlin.de

Zurück nach Wittenau, auf das Gelände der ehemaligen Heilstätten und den Ort des Baumfrevels (siehe auch Intro dieses Newsletters). Vom Bezirksamt Reinickendorf wusste ich inzwischen dies: „Bauherrin für die Baumaßnahmen am Standort Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Ankunftszentrum für Flüchtlinge in modularer Bauweise) ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen… Für die auf Ihrem Foto (Anmerkung: im letzten Newsletter) zu sehenden gefällten Bäume befindet sich die Zuständigkeit nach unserem Kenntnisstand bei den Berliner Forsten. Diese erteilen die entsprechenden Fällgenehmigungen an die Bauherrin und legen auch die gemäß Baumliste fälligen konkreten Ausgleichsmaßnahmen / Ersatzzahlungen fest. Dies wäre dort zu erfragen… Da der Bezirk für die Fällung einiger weniger anderer Bäume zuständig war (neun Spitz-Ahorne, die Bäume waren relativ jung und hatten gerade so den Schutzstatus erreicht), wurden im Rahmen der Beteiligung – über die eigene Zuständigkeit hinaus – vom Bezirk Anregungen an die weiteren Beteiligten gegeben. Diese Anregungen und Gespräche führten dazu, dass zwei besonders markante Buchen (Stammumfang 363 cm bzw. 194 cm) sowie zusätzlich noch 7 weitere Buchen mit mehr als 150 cm Stammumfang aus den ursprünglichen Fällplanungen herausgenommen wurden. Darüber hinaus wurde erreicht, dass im Vorfeld der Fällungen nochmals eine Artenschutzrechtliche Begutachtung vor Ort stattfand. Ergebnis der Begutachtung war, dass ein Bereich, der ebenfalls Fällmaßnahmen vorsah, von der zuständigen Ornithologin abgesperrt wurde. Laut unserem Kenntnisstand ist der Bereich für ca. 4 – 8 Wochen abgesperrt…“

Da ich davon ausging, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung beim zuständigen Senator für Umwelt um eine Fällgenehmigung nachgesucht hat, schrieb ich an Ihn: „Sehr geehrte Damen und Herren, auf dem Gelände der früheren Karl-Bonhoeffer-Heilstätten wurden Anfang März zahlreiche Buchen, teilweise mit einem Stammumfang von mehr als zwei Metern, gefällt, um Platz für den Bau eines Ankunftszentrums für Flüchtlinge zu schaffen. Die Auftrag erteilende Senatsverwaltung muss die Erlaubnis dafür bei den Berliner Forsten beantragt haben. Diese unterstehen der Senuvk. Bitte teilen Sie mir mit, unter welchen Auflagen die Erlaubnis zum Fällen erteilt wurde. Mit freundlichen Grüßen, Gerd Appenzeller“

Die Antwort kam innerhalb weniger Stunden und lautete so: „Es ist richtig, dass die Berliner Forsten (und insofern wir als SenUVK) die Genehmigung zur Waldumwandlung, so heißt das offiziell, auf dem Baugrundstück an der Karl-Bonhoeffer-Klinik gegeben haben. Dies beinhaltet die Baumfällungen – allerdings sind wir froh, dass es gelungen ist, den Eingriff dort so gering wie möglich zu halten. Dennoch fallen, das ist mit Bedauern festzustellen, einige wertvolle und schöne Bäume. Unser Einvernehmen wurde unter der Auflage erteilt, dass die nach Landeswaldgesetz erforderlichen Ausgleichszahlungen unverzüglich festgestellt werden und fließen. Die Berliner Forsten nutzt dieses Geld für Aufforstung, allerdings natürlich an anderer Stelle… Der Grund für die Genehmigung ist das Bauvorhaben an dieser Stelle: das Ankunftszentrum für Flüchtlinge. Bedarfsträger ist dafür die Senatsverwaltung für Integration, Bauherrin ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Es gibt unabdingbar ein übergeordnetes gesamtstädtisches Interesse an diesem Bauvorhaben. Vor diesem Hintergrund haben wir zugestimmt – und dabei, siehe oben, zumindest einige besonders wertvolle Bäume retten können, in dem der Standort der künftigen Gebäude noch einmal mit Blick auf Walderhaltung sowie Natur- und Artenschutz optimiert wurde.“

So. Nun wissen Sie alles darüber, wie man einen Wald umwandelt. Leider steht in dem klugen Buch nicht, wie man einen in hundert Jahren gewachsenen Wald nicht nur in einem Tag zu Kleinholz macht, sondern wie man ihn auch in weniger als hundert Jahren wieder in einen Wald zurück verwandeln kann…

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