Kiezgespräch
Veröffentlicht am 11.06.2020 von Boris Buchholz
Frauen, was sagt ihr zu der Idee, die Havelchausee zur Fahrradstraße zu machen und den Autoverkehr bis auf Anrainer auszusperren? Letzte Woche hatten sich „nur“ Männer zu Wort gemeldet. Meiner Frage aus der letzten Woche wurde mannigfach, Verzeihung, frauigfach beantwortet. Leserin M. weist daraufhin, dass in der Petition (ich habe die Initiative hier vorgestellt) sehr wohl vorgesehen sei, dass die Fahrradstraße für Anlieger frei sei, also sowohl Ausflugslokale als auch Bootsliegeplätze erreicht werden könnten. Die Vorwürfe eines Lesers aus der letzten Woche, die Radfahrer würden rücksichtslos fahren und den Autoverkehr behindern, will sie so nicht stehen lassen: „Ich werde auf der Havelchaussee dauernd von Autofahrern angehupt, weil ich dort mit 30 km/h zu zweit nebeneinander fahre, in einer 30er Zone? Wir behindern, wenn wir selber mit 30 km/h nebeneinander fahren, niemanden.“ – Text: Boris Buchholz
+++
Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Die Tagesspiegel-Newsletter für die 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de
+++
Mehr Themen aus Steglitz-Zehlendorf – hier eine Auswahl aus dem aktuellen Newsletter
- Blumenladen, alpines Fahren, Merkel: Am 2. Juni 2016 erschien der erste Südwest-Newsletter – ein Blick zurück zum vierten Geburtstag
- Das „Café im Kunsthaus Dahlem“ steht vor dem Corona-Aus und bitte um Ihre Hilfe
- Corona: Die Bewohner von Seniorenwohnheimen erleiden schwerste Grundrechtseingriffe
- Sturm über dem Wannsee: Die Bundesbank will ihr Gästehaus zum Kongresszentrum machen – die Anwohner fürchten ein „Strandbad deluxe für Bundesbeamte“
- „Faule Schülerin“: „Fridays for Future“ nimmt die Bezirkspolitik in die Pflicht
- Milieuschutz an der Schloßstraße: Jetzt sind auch CDU und Grüne dafür, Feinscreenings zu beauftragen
- Thermometersiedlung: Fast jedes zweite Kind ist arm
- BVV will zusammen mit Umlandgemeinden tagen
- Die Fête de la Musique findet dieses Jahr Zuhause statt
- Verlosung: Gewinnen Sie das neue Berlin-Buch von Maroldt und Martenstein
- Jugendjury vergab 10.500 Euro an 15 Projekte
- Peggy, Pit, Emma und Antonia: Ausflug zu den Wasserbüffeln auf der Pfaueninsel
- Ab in den Metallkorb, Frisbee: Die erste Rund-um-die-Uhr-Discgolf-Anlage eröffnet am Teltowkanal
- Schreck für zwei Kinder auf der Schaukel: In Lichterfelde-Süd brach ein Spielgerät zusammen
- … das alles und mehr Nachrichten, Ideen, Termine und persönliche Tipps aus Ihrem Kiez. Immer in unseren Tagesspiegel-Newslettern für die 12 Berliner Bezirke. Kostenlos hier leute.tagesspiegel.de
Ganz anders sieht das die 71-jährige Frau B.: Sie würde gerne wissen, wo man gegen die Sperrung für Autos abstimmen könne (ich habe keine Ahnung). „Gerade in meinem Alter fahre ich öfter mit dem Auto zum Grunewaldturm oder der Lieper Bucht und starte dort meine ausgedehnten Spaziergänge mit Havelblick und einer anschließenden Einkehr in die dort vorhandenen Restaurants“, schreibt sie. „Das fände ich nicht okay, wenn man nur mit dem Bus, in sehr großer Taktung, diese Punkte erreichen könnte!“ Leserin Natascha Moll stimmt ihr zu – regelmäßig gehe sie mit ihrer Mutter, die im Rollstuhl sitze, an der Havel spazieren. „Den Mamils (Middle Aged Men in Lycra, oft Akademiker, d.h. ich setze eine gewisse Intelligenz voraus) gehört die Strasse nicht allein“, meint sie. „Auch sie werden ihr Fahrrad irgendwann mit einen Rollator oder Rollstuhl tauschen müssen.“
Als Kompromiss schlägt Leserin Gundula B. aus Nikolassee „notfalls“ vor, „die Havelchaussee werktags tagsüber doch für den Autoverkehr zu öffnen – abends, nachts und am Wochenende ist sie dann autoabgasfrei“. Eigentlich jedoch ist sie für die Fahrradstraße. Wie man beim Stau mit der Avus nach Spandau komme? Mit der S-Bahn ab Wannsee in 34 Minuten „oder gemütlich mit Bus und/oder Fähre“. Generell erwarte sie von den Älteren, sie gehöre selber auch dazu, „mal aus ihren Gewohnheiten ausbrechen und was Neues ausprobieren“.
Warum nicht die Fahrbahn verbreitern, fragt Heide Schuhardt? Dann könnten sich Auto- und Radfahrer „auf geregelte Art die Fahrbahn teilen“. Besser würde ihr allerdings die Lösung gefallen, „die Radwege zu verbreitern und getrennt von der Autofahrbahn in derselben Fahrbahnqualität wie die Autofahrbahn anzulegen“. Dann würden die Radler nicht „ruhigen Gewissens die Autofahrer behindern“.
Meine Gedanken zur Debatte: 1) Das Hin- und Hergehacke, wer jetzt rücksichtsloser ist, die Autofahrer oder die Radfahrer, bringt nichts. Jeder Verkehrsteilnehmer sollte sich an die Regeln halten und auf die anderen respektvoll achten. 2) In vielen Diskussionsbeiträgen – und herzlichen Dank, ich habe weit mehr Zuschriften erhalten, als ich hier erwähnen kann – schimmert der generelle Gedanke „das Auto hat Vorfahrt und Radfahrer stören den fließenden Verkehr“ durch die Zeilen. Berlin ist gerade dabei, die autogerechte Stadt, also die über Jahrzehnte in Zement gegossene automatische Vorfahrt für vier Räder, zurückzubauen – zu Recht. Zum einen nimmt der Radverkehr zu und tut Umwelt und Gesundheit gut, zum anderen verletzt sich auf den 639,7 Kilometer Straßen im Bezirk bei einem Unfall zwischen Rad und Auto in der Regel nicht der Autofahrer (oder die Autofahrerin).
Und schließlich 3): Immer wieder wird der drohende Stau auf der Avus durch den Umbau des Autobahn-Dreiecks Funkturm für eine Offenhaltung der Havelchaussee für Autos in den Wald geführt. Doch kann das die Alternative sein? Stau auf der Havelchaussee? Blechkolonnen zwischen Sandstrand und Havelhöhenweg? Sollte es zu diesem massiven Avus-Ausweichverkehr wirklich kommen, könnte genau das letztendlich zur Sperrung der Havelchaussee für den motorisierten Durchgangsverkehr führen – denn das hält die kleine Straße und die Suche nach Erholung nicht aus.