Kiezgespräch
Veröffentlicht am 01.10.2020 von Christian Hönicke
Breite Front gegen neues Gewerbegebiet in Wilhelmsruh. Nun gibt auch die BVV dem Bezirksamt contra für den Plan, statt des angedachten Wohnviertels in Wilhelmsruh ein Gewerbegebiet auszuweisen. Per Beschluss forderten die Bezirksverordneten das Bezirksamt auf, „sämtliche technischen und rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen“, um doch noch Wohnbau umzusetzen.
Streitpunkt ist das angrenzende Gewerbegebiet Flottenstraße in Reinickendorf. Ein Geruchsgutachten stellte erhöhte Werte auch in Pankow fest, weswegen das geplante Wohnquartier „Wilhelmsruher Tor“ mit 400 Wohnungen kurzerhand abgeblasen wurde. Stattdessen will das Bezirksamt nun auch hier ein Gewerbegebiet einrichten – Anwohner fürchten künftig noch mehr Belastungen. [Der Text stammt aus dem aktuellen Pankow-Newsletter. Den können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]
Die BVV stellt sich nun auf die Seite der Wilhelmsruher. Die Gutachter hätten gegenüber der BVV deutlich gemacht, „dass trotz der Ergebnisse des Gutachtens eine Wohnbebauung nicht ausgeschlossen ist“. Die Geruchsbelästigung könne soweit reduziert werden, dass gesunde Wohn- und Lebensverhältnisse möglich seien. Und zwar durch bauliche Maßnahmen auf dem Grundstück selbst, „als auch durch anlagentechnische und betriebsablauftechnische Maßnahmen bei den Emittenten“ (zum Beispiel Rauchfilter).
Deshalb soll das Bezirksamt an den Wohnbauplänen festhalten, fordert die BVV, „und bis dahin sämtliche anderen Planungen für das Gebiet (Gewerbe) anhalten“. Baustadtrat Vollrad Kuhn (B’90/Grüne) hat den Beschluss zur Kenntnis genommen. „Wir wollen ja kein Gewerbegebiet planen'“, erklärt er. Vielmehr untersuche die Wirtschaftsförderung, die seiner Stadtratskollegin Rona Tietje (SPD) unterstellt ist, welches verträgliches Gewerbe sei möglich sei. Inzwischen habe man sich untereinander verständig, die Standortuntersuchung so zu erweitern, dass auch das Thema Wohnen erörtert wird.
Nach dem bisherigen Gutachten hält Kuhn eine Wohnbebauung für ausgeschlossen. Dies sei lediglich auf einem Viertel der Fläche möglich. „Aber wir müssen uns vielleicht eine zweite Meinung holen und noch ein Zusatzgutachten machen“, räumt er ein. Damit reagiert er auf den BVV-Beschluss, der „eine Nachqualifizierung des Immissionsgutachtens bis Ende 2020“ und „Strömungsmessungen“ fordert. Außerdem soll laut Kuhn auf BVV-Wunsch geprüft werden, ob technische Maßnahmen bei den Unternehmen auf Reinickendorfer Seite den Abgasausstoß reduzieren könnten.
Generell sieht Kuhn seinen Bezirk aber weiter nicht in der Pflicht, sondern die Senatsumweltverwaltung. „Wir können als Bezirk nicht ein traditionelles Gewerbegebiet im Nachbarbezirk verschwinden lassen.“ Hier sei die Senatsumweltverwaltung gefragt, „die muss dort auch bei den Unternehmen nachmessen“. Die Unternehmen („Emittenten“) waren am 23. September dabei, als sich eine große Runde zur Problematik traf, darunter die Bezirksämter aus Pankow und Reinickendorf, die Senatswirtschaftsverwaltung sowie die Wohnungsbaufirmen.
Es habe natürlich kein Ergebnis gegeben, teilt Kuhn mit, aber erste Ansätze. Er halte es für die sinnvollste Lösung, das Gewerbegebiet Flottenstraße langfristig umzusiedeln: „Am besten wäre eine Verlagerung, etwa in das Gewerbegebiet Buchholz-Nord in unserem Bezirk.“ Allerdings wird das Industriegebiet an der A 114 auf ehemaligen Rieselfeldern gerade erst geplant, „da vergeht noch viel Zeit und man muss sehen, ob es überhaupt möglich ist“. – Text: Christian Hönicke
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